Im Test: The MISSING: J.J. Macfield and the Island of Memories (PC, PS4, Switch)

Mit dem 2,5D-Puzzle-Adventure The Missing: J.J. Macfield and the Island of Memories meldet sich der sympathische Kult-Entwickler Hidetaka „Swery“ Suehiro nach über vier Jahren Kreativpause in der Videospiellandschaft zurück. Nach Deadly Premonition und D4: Dark Dreams Don’t Die ist auch The Missing ein surrealer Mystery-Thriller voller einzigartiger Momente und schrägen Dialogen, die den Spieler lange nach dem Ende noch beschäftigen sollen. Ob Swery dabei wieder ein Kult-Hit landet oder doch nur unsere Schmerzgrenzen erreicht, erfahrt ihr im Test.

Eigentlich sollte es für die beiden jungen Frauen Emily und J.J. ein entspannter Campingausflug zu zweit werden. Als jedoch Emily eines Morgens spurlos verschwindet, macht sich J.J. auf die Suche nach ihrer Freundin und findet schnell heraus, dass auf der Insel etwas nicht ganz stimmen kann. Nicht nur verhalten sich die Tiere alles andere als normal, sondern scheint Emily vor einem albtraumhaften Monster auf der Flucht zu sein. Als ein Blitz dann auch noch J.J. trifft und sie als verkohlte Leiche hinterlässt, scheint alles vorbei zu sein, doch statt zu sterben, rettet sie ein mysteriöses Wesen und gibt ihr die Kraft, ihren Körper selbstständig regenerieren zu können.

In den folgenden fünf Stunden von The Missing durchsuchen wir die Insel nach Emily, lösen Rätsel, sammeln Donuts, lesen Chatverläufe, fliehen vor einem Teppichmesser-schwingenden Monster, brechen uns jeden möglichen Knochen, verlieren alle Gliedmaßen und verbrennen uns von Kopf bis Fuß. Die Rätsel decken dabei Anfangs noch puzzleartige Schalter & Hebel-Aufgaben ab, werden aber später zu komplexeren und vor allem einfallsreicheren Denkaufgaben, die als Lösung eine Mischung aus Logik, Physik und eigener Regenerationsfähigkeit abverlangen. Gerade im Vergleich zu anderen 2,5D-Puzzle-Adventures, wie z.B. Playdead’s Inside, wartet The Missing mit einigen kreativen Rätseln auf, bei denen man im wahrsten Sinne des Wortes Köpfchen beweisen muss.

Egal ob wir dabei eine Bowlingbahn, ein Diner oder eine stockfinstere Baustelle betreten, Swery und sein neues Studio White Owls Inc. haben die Mechaniken des Spiels größtenteils clever in jedem Abschnitt eingebaut und sorgen bis zum Ende immer wieder für neue Twists im Gameplay.

Abseits davon gibt es auch noch hier und da reine Plattform- und Fluchtsequenzen, in denen wir in erster Linie nur schnell vorankommen müssen. Dank der teils ungenauen Steuerung und den spärlichen Checkpoints, sind diese Stellen aber eher eine Belastung der eigenen Nerven, statt eine Bereicherung. Zum Glück sind diese Abschnitte aber die Ausnahme und dazu recht kurz gehalten.

Wie bereits erwähnt, erhält J.J. kurz nach dem Beginn ihres Abenteuers die Fähigkeit, ihren eigenen Körper immer wieder neu zu regenerieren. Egal ob wir unsere Beine, Arme oder sogar den Torso verlieren, solange der Kopf nicht zerstört wird, überlebt sie alles und kann sich dabei immer noch durch die Level bewegen bzw. rollen.

Das ist auch bitter notwendig, denn die Insel ist gespickt mit unzähligen Fallen, die nur darauf warten unachtsame Reisende in all ihre Einzelteile zu zerteilen. Diese sind dabei aber nie wirkliche Hindernisse für uns, sondern nutzen uns sogar beim vorankommen. Stehen wir in Flammen, können wir so Wurzeln verbrennen, die uns sonst den Weg versperren. Brechen wir uns das Genick, steht die Welt auf dem Kopf und wir bewegen uns an Decken entlang. Ist nur noch der Kopf übrig, können wir uns durch sonst zu enge Schächte bewegen. Nicht nur brauchen wir diese Fähigkeit, um Rätsel zu lösen, sondern lassen sich auch etliche Verstecke im Spiel durch gezielte Selbstverstümmelung finden, die uns wiederum mit Donuts belohnen. Mit diesem leckeren Gebäck schalten wir weitere Textnachrichten, Konzeptzeichnungen, neue Kostüme und sogar Cheats frei.

Unser Smartphone ist dabei unser ständiger Begleiter und dient uns nicht nur als Menü, sondern erhalten wir nach jedem Fortschritt neue Nachrichten aus J.J.’s Vergangenheit, die einen tieferen Einblick in das Privatleben und in die Gefühlswelt der jungen Frau gewährt. Gerade durch die mysteriösen Geschehnissen auf der Insel erhalten selbst triviale Nachrichten zwischen J.J. und ihren Freunden und Kollegen eine tiefere Bedeutung und sollten vom Spieler auf keinen Fall ignoriert werden.

Technisch lässt sich nicht viel sagen, aber auch nicht viel meckern. Die Unity Engine funktioniert, sieht aber auch durch die platt wirkenden Assets nicht wirklich besonders aus, was man aber vielleicht mittlerweile auch als einfaches Stilmittel von Swery ansehen könnte. Schließlich war als Art Director Wataru Nishide hier wieder am Werk, dessen nüchterner Stil schon in Deadly Premonition für eine trostlose Präsentation gesorgt hat. Umso überzeugender hingegen ist der Soundtrack von der noch unbekannten japanischen Komponistin kidlit, die man nach The Missing definitiv im Auge behalten sollte. Ihre Stücke tragen hervorragend die beklemmende Atmosphäre und die Thematiken des Spiels.

Fazit:
The Missing: J.J. Macfield and the Island of Memories ist alles, was man von einem Videospiel aus der Feder von Swery erwarten könnte und noch mehr! Der Mut, gewisse Themen anzusprechen, die man sonst in Videospielen eher selten bis gar nicht vorfindet, verdient alleine ein großes Lob. Swery ist dabei aber noch so geschickt und sensibel, dass die Umsetzung wahrscheinlich für lange Zeit einzigartig bleiben wird. Dazu besticht der Titel dank großartig geschriebenen Dialogen, cleveren Rätseln und ein in sich funktionierendes Gameplay-Design, welches abseits von wenigen Momenten und einem spärlichen Checkpointsystem kaum negativ auffällt.

Wer sich für einen möglichen Wiederspielwert interessiert, kann dazu auch noch aufatmen. Zwar sollte man nach fünf Stunden mit dem ersten Durchgang fertig sein, doch bietet The Missing in einem zweiten Durchgang noch etliche, geheime Textnachrichten, die genug Motivation für ein erneutes Durchspielen liefern sollten.

Swery, White Owls Inc. und Publisher Arc System Works haben mit The Missing etwas ganz Besonderes abgeliefert, welches nicht nur durch eine Vielzahl an Qualitäten besticht, sondern gerade in den aktuellen turbulenten Zeiten eine wichtige Botschaft enthält.

The Missing: J.J. Macfield and the Island of Memories ist seit dem 10. Oktober für PC, PlayStation 4, Switch und Xbox One erhältlich. Getestet wurde die PC-Version.

(getestet von Dr. Para)