Im Test: Pathologic 2 (PC)

Erst als klassisches Remake gedacht, entwickelte sich Pathologic 2, nach der erfolgreichen Finanzierung über Kickstarter, mehr zu einer Mischung aus direkter Fortsetzung und Neuinterpretation des Originals. Eine neue Chance für das russische Entwickler-Studio Ice-Pick Lodge, die faszinierende Geschichte des 2005 erschienenen Vorgängers einem neuen Publikum zu präsentieren, während Kenner durch die vielen Neuerungen eine frische Perspektive auf den Klassiker erhalten. Gemeinsam mit Publisher tinyBuild veröffentlicht Ice-Pick Lodge nun die erste von drei Episoden, die uns in die Rolle des Haruspex versetzt. Ob sich die Reise für euch lohnt oder ihr doch lieber Zuhause bleiben solltet, erfahrt ihr bei uns im Test.

Es ist nun zwölf Tage her, als wir Fuß in Gorkhon gesetzt haben. Die Seuche hat mittlerweile zu viele Leben eingefordert und das Militär sieht keine anderen Optionen mehr, als die komplette Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Im letzten Moment bietet uns der mysteriöse Theaterbesitzer Mark Immortell aber eine zweite Chance an. Ein Neustart, der uns wieder an dem ersten Tag unserer Ankunft zurücksetzt, um alles anders zu machen und somit die Bevölkerung der Stadt vor ihrem grausamen Schicksal zu retten. Ohne wirkliche Alternativen nehmen wir das Angebot von Immortell an und sitzen schon im nächsten Moment wieder im Zug Richtung Heimat. Doch wieso ist unser Protagonist Artemy Burakh, auch Haruspex genannt, überhaupt auf dem Weg nach Hause? Er hatte die Stadt schließlich vor fünf Jahren hinter sich gelassen, um Chirurg zu werden. Als ihn vor einer Woche ein wichtiger Brief seines Vaters Isidor Burakh erreicht, drängt ihn sein Pflichtbewusstsein, der Bitte seines Vaters nachzugehen. Nach einer fieberhaften Odyssee in Gorkhon angekommen, erwartet den Haruspex ein Begrüßungskommando, bestehend aus drei unbekannten Männern. Statt Geschenken und Blumen, ziehen die Männer jedoch Messer aus den Taschen und greifen Artemy ohne offensichtlichen Grund an. Es kommt, wie es kommen muss und Artemy tötet die drei Angreifer in Notwehr. Ausgelaugt durch die lange Reise und verletzt durch den Kampf, schafft es der junge Chirurg gerade mal so an das Haus seines Vaters anzukommen, doch auch hier wartet eine böse Überraschung auf ihn: Isidor ist am Morgen verstorben und laut Zeugen sogar ermordet worden. Manche reden von einem Golem aus der Steppe, andere von Hexen und andere Beschreibungen passen exakt auf Artemy. Die Gerüchte um die drei Toten am Bahnhof und das passende Täterprofil sorgen schnell dafür, dass der Haruspex in seiner eigenen Stadt nicht mehr sicher ist. Der wahre Mörder muss gefunden werden und dann wäre da noch die Seuche, welche die Stadt am zwölften Tag verschlingt. Alleine, hungrig und verletzt müssen wir nun unser Schicksal ändern, bevor es zu spät ist.

Pathologic 2 versteht sich als Open World Survival-Thriller mit Anleihen aus dem Immersive-Sim Genre und starken narrativen Fokus. Die Betonung liegt hier besonders auf Survival, denn der Kampf ums Überleben ist allgegenwärtig und fließt in so gut wie jeder Mechanik des Spiels ein. Erschöpfung, Durst, Hunger, Krankheiten und Verletzungen machen uns das Leben schwer und sorgen dafür, dass ein Stück Brot und saubere Bandagen wertvoller für uns sein können, als ein Revolver mit Munition. Ebenso wertvoll ist die Zeit an sich, denn diese läuft uns ständig davon und ein Tag entspricht ca. zwei Stunden echter Spielzeit. Somit müssen wir unser Vorhaben immer gut einplanen und notfalls mögliche Hinweise oder Treffen gar komplett ignorieren, denn in der Welt von Pathologic 2 wartet niemand auf uns. Verstreicht der Tag, verstreicht damit auch der vielleicht wichtige Dialog und die damit zusammenhängende Nebenmission. Wir stehen also im Grunde jedes Mal erneut vor verschiedenen Entscheidungen, die uns die Entwickler nie direkt auf die Nase drücken, sondern ganz natürlich durch die Mechaniken des Spiels kommen. Welchen Charakter besuchen wir, wie behandeln wir ihn, riskieren wir unser Leben und damit wichtige Ressourcen und helfen einer Person oder verzichten wir darauf und holen Schlaf nach, damit wir nicht in den nächsten Stunden vor Erschöpfung ohnmächtig werden. Die Konsequenzen sind vielschichtig und nie auf den ersten Blick direkt zu erkennen. Manche danken uns oder sehen unsere Hilfe auch als Schwäche an, die man im gegebenen Fall ausnutzen kann. Hier kommt vor allem auch das großartige Writing zutrage. In Gorkhon haben wir es nie mit Heiligen und Schurken zu tun, sondern mit normalen Menschen, die alle ein eigenes Ziel verfolgen. Selbst die spielenden Kinder auf den Straßen verlieren schnell ihre Unschuld gegenüber uns, wenn es um das eigene Überleben geht.

Neben dem Erfüllen von Aufgaben und dem Nachgehen von Informationen steht das regelmäßige Aufstocken von Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern natürlich ganz oben auf unserer Liste. Geschäfte sind dabei die offensichtlichsten Anlaufstellen dafür und diese finden wir am Anfang unseres Abenteuers noch recht großzügig über die ganze Stadt verteilt. Apotheken, Lebensmittelgeschäfte und Boutiquen für Kleidungen bieten ein gutes Sortiment und nehmen als Zahlungsmittel Münzen an. Alternativ können wir auch aber mit den Bürgern in der Stadt Tauschhandel betreiben und hier liegt auch das Herzstück der gesamten Ökonomie hinter Pathologic 2. Durch die Seuche steigen nämlich nach wenigen Tagen die Preise für alles Mögliche an und unser Geld wird schnell wertlos. Was am Vortag noch dreihundert Münzen gekostet hat, kann nun plötzlich über tausend kosten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind wir auf den Tauschhandel angewiesen und müssen dabei auf Angebot und Nachfrage achten. Jede Schicht in der Bevölkerung benötigt nämlich andere Dinge. Während der normale Bürger schon mit sauberen Wasser zufrieden ist, wollen Kinder hingegen meistens Stichwaffen von uns und tauschen dagegen auch ihr letztes Stück Brot. Haben wir nichts zum Verkaufen oder Tauschen, bleibt uns nichts anderes übrig, als in fremde Häuser einzusteigen und dort nach Wertsachen oder etwas zum Beißen zu suchen. Werden wir dabei auf frischer Tat ertappt, sinkt unser Ruf im Bezirk und Leute wollen nicht mehr mit uns handeln oder greifen uns sogar direkt an. Mit der steigenden Epidemie werden die Bezirke aber auch zu verlassenen Sperrgebieten, in denen keiner mehr lebt und wir ungeschoren plündern können. Der große Haken an der ganzen Sache? Natürlich die Auswirkungen der Seuche. Zwar helfen uns Schutzkleidung und Medizin vorübergehend unsere Immunität aufrecht zu halten, doch wirklich lange können wir uns damit nicht in den Häusern aufhalten. Ab diesem Punkt merkt man es vielleicht schon, aber Ice-Pick Lodge wollen uns mit Pathologic 2 weder unterhalten, noch etwas wie Spielspaß erzeugen. Nein, der Titel ist hart, teilweise ungerecht und belohnt nur selten den Spieler für seine Taten. Somit erzeugen die Entwickler gleichzeitig aber auch ein glaubwürdiges Szenario, in dem wir eben täglich an der Schwelle zum Tod stehen, egal wie sicher wir uns auch fühlen.

Nicht nur Krankheiten und Hunger wollen uns an den Kragen, sondern stehen immer wieder körperliche Auseinandersetzungen an. Wehren können wir uns mit unseren Fäusten, verschiedenen Nahkampf- und Schusswaffen. Letztere sind eher selten und wie bereits erwähnt, lohnt sich das Eintauschen von Munition gegen Lebensmittel und Medizin zu sehr, als das wir unsere Feinde wirklich damit niederschießen sollten. Auch ist unsere Gesundheit zu wertvoll, um diese in einem unnötigen Kampf aufs Spiel zu setzen, weswegen eine Flucht fast immer die bessere Wahl ist. Ist dies keine Alternative für uns, heißt es Deckung oben halten, die eigene Ausdauer beachten und auf den richtigen Moment zum Zuschlagen warten. Haben unsere Gegner ein paar Treffer von uns kassiert, geben sie nicht selten auf und bitten um Gnade. Ignorieren wir nun diese Bitte und töten unser Gegenüber im Kampf, spricht sich dies schnell in der Bevölkerung rum und man wird uns mehr als Schlächter in Gedächtnis haben, statt als Chirurg und Mediziner. Am Ende des Tages sind wir nämlich immer noch in erster Linie Arzt und dies vor allem aus Überzeugung. Somit steht das Helfen von erkrankten Personen im zentralen Mittelpunkt in der Rolle des Haruspex. Pathologic 2 wäre aber nicht Pathologic 2, wenn dies alles mit einem Tastendruck zu erledigen wäre. Erstmal müssen wir an dem Patienten eine Diagnose erstellen, um die Ursache für das Leiden herauszufinden. Hier unterscheidet das Spiel grob zwischen Nerven, Knochen und Blut-Krankheit. Das Verabreichen von Schmerzmitteln (die uns übrigens auch selber besser schlafen lassen) und einer speziellen Flüssigkeit, lassen uns dem Problem näher auf den Grund gehen, damit wir die passende Medizin als Gegenmittel auswählen können. Mit Antibiotika stoppen wir die Infektion und dämmen die Krankheit erstmal ein, aber um wirkliche Heilung zu verschaffen, müssen wir in unser kleines Labor und Tränke brauen. Aber nicht nur erkrankte, sondern auch verletzte Patienten brauchen unsere medizinische Hilfe. Hier greifen wir dann zum Skalpell und müssen den Fremdkörper, wie z.B. Kugeln oder abgebrochene Klingen, aus dem richtigen Organ entfernen. Wer hier vor nichts zurückschreckt, kann übrigens auch Toten ihre Organe entnehmen und Blut abzapfen, um diese zu Tauschen oder zu verarbeiten.

Besonderen Wert legt Ice-Pick Lodge neben dem philosophischen Writing und den komplexen Mechaniken, die Pathologic 2 zu einem erbarmungslosen Erlebnis machen, auch auf die düstere Atmosphäre und Präsentation. Einen großen Teil trägt alleine die Stadt Gorkhon dazu bei, denn hier kollidieren zwei harte Realitäten aus Fortschritt und Tradition aufeinander. Wie ein Berg thront die Fleischfabrik über der Stadt, in denen ein großer Teil der Bewohner ihr monatliches Einkommen verdienen, in dem sie täglich die Rinder aus der Steppe zu Fleischpaketen verarbeiten. Eine gut geölte Maschine der Lebensmittelindustrie, die Tag und Nacht funktioniert und langsam der Umwelt ihre Kinder nimmt. Ein harter Kontrast dazu ist die Tatsache, dass die Stadt komplett umgeben von der Steppe existiert und umringt ist von Dörfern und Siedlungen der Ureinwohner des Landes, die noch die alten Bräuche und Traditionen wahren und natürlich der Natur umso mehr verbunden sind. Statt aber komplett voneinander getrennt zu leben, verschmelzen beide Einflüsse in den Straßen und kreieren damit eine einzigartige Atmosphäre, die man vielleicht noch am ehesten mit Planescape: Torment vergleichen könnte. Auf der technischen Seite gibt es hingegen nicht so viel zu erzählen. Man ist von der hauseigenen Engine zur Unity Engine gewechselt und hat alles in ein modernes Gewand verpackt, was gerade den Charakteren zugutekommt. Ein wirkliches Highlight ist der großartige Soundtrack und das gesamte Sounddesign, welches das Ganze nochmal audiovisuell abrundet. Komponist und Audio Direktor Vasiliy Kashnikov hat hier für 47 Songs geschrieben, welche die oben angesprochene, surreale Heirat aus Industrie und Schamanismus fantastisch untermalt. Zusätzlich dazu lieferte die russische Neofolk Band Theodor Bastard ein komplettes Album mit vierzehn eigenen Liedern zum Spiel ab, was die Gesamtspielzeit des kompletten Soundtracks auf stolze drei Stunden heranwachsen lässt.

Fazit:
Ein Spiel wie Pathologic 2 zu bewerten, ist keine einfache Aufgabe, denn würde man es an normalen Maßstäben messen, würde man den Titel zu oberflächlich behandeln. Doch natürlich ist es immer noch ein Videospiel und verdient wie jedes Spiel einen kritischen Blick auf z.B. Gameplay-Mechaniken, die Technik oder das Writing und auch wenn mein Review bis zu dem Punkt mehr positiv war, bin ich mir über die Sperrigkeit von Pathologic 2 absolut bewusst. Die Entwickler sind hier keine Kompromisse eingegangen und haben dasselbe Monster erschaffen, wie vor vierzehn Jahren mit dem Vorgänger. Zwar etwas hübscher, aber genauso unfreundlich und wirr. Somit ist der Titel selbst für erfahrende Adventure-Spieler keine sichere Sache und man muss wirklich viel Zeit und Nerven mitbringen, damit man seinen eigenen Spaß herausfinden kann. Wenn man diesen jedoch gefunden hat, ist Pathologic 2 eine einzigartige Erfahrung, die einen nicht einfach so loslässt. Sei es die unterschiedlichen Charaktere, das komplette World-Building, welches im ersten Durchgang sicherlich mehr Fragen als Antworten gibt oder einfach der erbarmungslose Überlebenskampf, der einen nicht belohnt, sondern nur dazu da ist, um uns immer wieder unten zu halten. Kenner des Vorgängers werden damit keine Probleme haben, sich sofort zu Hause fühlen und durch die Änderungen einiges Neues erfahren. Interessierte Spieler, die hier keine Erfahrungen haben, sollten sich vorher gut überlegen, ob sie bereit dazu sind, sich in so etwas einzuarbeiten. Es ist kein Ding der Unmöglichkeit und wahrscheinlich nur halb so schlimm, wie es gerade klingt, aber das Auseinandersetzen mit den Survival-Elementen und das Anpassen an gewisse Faustregeln, sind notwendig, um das Spiel wirklich so zu erleben, wie es die Entwickler vorgesehen haben. Wer damit kein Problem hat, erwartet hier einen einzigartigen Titel, der wohl nur von seinem eigenen Nachfolger beerbt werden kann. Bis dahin erwarten uns aber noch die zwei weiteren Episoden von Pathologic 2, die uns dann in die Rolle des Bachelors und der Heilerin versetzen werden.

Pathologic 2 ist seit dem 23. Mai für PC via Steam und Good Old Games erhältlich. Konsolen-Portierungen für Playstation 4 und Xbox One sind zu einem späteren Zeitpunkt geplant.

(getestet von Dr. Para)