Im Test: Mutant Year Zero: Road to Eden (PC, PS4, One)

Das schwedische Studio The Bearded Ladies schickt uns mithilfe des Publishers Funcom ins endzeitliche Skandinavien, wo selbst die Enten bis auf die Zähne bewaffnet sind. In Mutant Year Zero: Road to Eden bekämpfen wir als Team mutierter Tiere rundenbasiert allerlei Ghule und Kampfroboter, während wir den Geheimnissen der alten Welt auf die Schliche kommen. Wir haben uns für euch in die radioaktive Zone getraut und berichten im Test vom Leben in der Postapokalypse.

Erpel Dux und Keiler Bormin scheinen einer düsteren, missratenen Disney-Fiktion zu entspringen. Unter der rauen Schale blitzt zwischenzeitlich ein charmanter, kauziger Bewohner Entenhausens durch, aber dieser Charakterkern ist längst unter den Ruinen dieser Welt begraben. Dux und Bornim sind Stalker. Ihre Aufgabe ist es im postapokalyptischen Schweden lebensnotwendige Ressourcen außerhalb des Arks, der letzten friedlichen Zufluchtsstätte der Menschen und Mutanten, zu beschaffen.

Die radioaktive Zone verabscheut jedes Leben. Die Welt ist tot und leer. Und trotzdem sind wir vorsichtig. Denn wo ein nuklearer Winter der Natur das Leben entzogen hat, hat er den zurückgebliebenen Hüllen den Überlebensinstinkt erhalten, der sich über den Tod hinaus in einem unbändigen Durst nach Blut und Dominanz äußert. Während unserer Erkundungs- und Beschaffungstouren versuchen wir den Ghulen schleichend auszuweichen, aber nicht immer lässt sich eine Konfrontation vermeiden.

Mutant Year Zero schaltet dann zum rundenbasierten Taktikgenre um und Schwedens abgestorbene Wälder, verseuchte Seen und schneebedeckte Forschungsbasen und Schutzlager transmutieren zu übersichtlichen Schachfeldern, wo Zug um Zug Trefferwahrscheinlichkeiten, die wir uns erst in der Vorbereitung und später im strategischen Geschick, erarbeiten, den Ausgang des Gefechts entscheiden. Wer XCOM kennt und liebt, wird sich auch hier schnell zuhause fühlen, effektive Flankierungsmanöver planen und sich selbst im Schutz der Deckung fortbewegen. Wer XCOM beherrscht, wird vermutlich aber auch einige taktische Möglichkeiten vermissen. Mit nur drei recht austauschbaren Figuren im Kampf und sehr reduzierter Individualisierung ist jede Entscheidung zwar gewichtig und nach erfolgreicher Exekution auch ungemein befriedigend, es mangelt aber am Umfang an Spieloptionen und die Gefechte verlaufen oft ähnlich und vorhersehbar.

Die wahre Stärke offenbart Mutant Year Zero erst in Kombination mit den sekundären Spielelementen. Denn die Erkundung der skandinavischen Wastelands ist nicht nur äußerst atmosphärisch, sondern auch spielerisch motivierend, wenn man zwischen recyclebarem Schrott starke Waffen, stilvolles Endzeitequipment oder gar eines der altertümlichen Artefakte wie einen Kühlschrank oder iPod findet, die uns nicht nur starke passive Boni bescheren, sondern unseren düsteren Mutanten zynische Sprüche und Anekdoten aus der Postapokalypse entlocken.

Dabei decken wir zügig die Hubareale auf und spähen nebenher unsere Gegner aus. Wirft man sich blindlings in den Kampf, wird man schnell von Ghulen umzingelt oder kommt im Gefecht nicht effektiv genug an Heilroboter und Scharfschützen heran. Noch wichtiger als eine sinnvolle Positionierung ist aber das gezielte Ausschalten von isolierten Streunern, die sich aus der Sichtzone der Gruppe entfernen. Das Stealth-Gameplay in Mutant Year Zero ist essentiell und sorgt für eine willkommene Abwechslung zur Rundentaktik.

Die Handlung fokussiert sich auf die Rettung eines Stalkerkameraden. Nebenher besuchen wir aber für zusätzliche Erfahrungspunkte und Belohnungen optionale Gebiete, die mit kleinen, unterhaltsamen Geschichten aufwarten und dem inhaltlichen Hintergrund Volumen schenken. Nur selten formuliert Mutant Year Zero die Gedanken aus, die der Vorlage, einem schwedischen Table-Tob-Game, entspringen, aber trotz der überschaubaren Inszenierung kann die Story mit ihrem angenehm knackigen Pacing überzeugen.

Bevor sich Situationen zu oft wiederholen und den spielerischen Aspekten die Puste ausgeht, ist das Spiel auch schon wieder vorbei. Um die 20 Stunden nimmt ein Durchgang in Anspruch. Wer aber eine Herausforderung sucht, kann auf höheren Schwierigkeitsgraden und mit dem kompromisslosen „Iron Man“-Modus auch mehr Zeit im mutierten Schweden verbringen. Gerade dann können einige technische Probleme dem Spielspaß etwas im Wege stehen. Über kleinere Nachladeruckler und Soundaussetzer lässt sich noch hinwegsehen, des Öfteren behinderten Anzeigefehler allerdings das Taktikgameplay und können schnell frustrieren. Hier besteht definitiv Nachholbedarf von Seiten der Entwickler.

Fazit:
In einer postapokalyptischen Welt dreht sich alles um Ressourcen. Jedes Stück Schrott kann das Überleben unserer tierischen Mutanten und ihrem Zuhause sichern. In der taktischen Rundenstrategie zählt jede Kugel. Jede Aktion entscheidet zwischen Sieg und Niederlage, und man überlegt sich doppelt, ob die 75%-Trefferchance auf einen essentiellen Gegner ausreicht oder man sich den garantierten Treffer erspielen will. Für die Entwickler von The Bearded Ladies standen sicherlich auch nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung. Mit einem mehr als fairen Preis von 35€ positioniert sich Mutant Year Zero weit unter den gängigen Vollpreistiteln. Die einzelnen Elemente vermissen oftmals den Umfang oder die Komplexität der Konkurrenz. Zusammen betrachtet im Rahmen eines 20-stündigen Abenteuers kumulieren sich allerdings eine originelle, zynisch-düstere Story, anspruchsvolle Rundentaktik und motivierendes Erkundungs- und Stealthgameplay zu einem der größten Überraschungshits dieses Jahr.

(getestet von eape)