Im Test: Fell Seal: Arbiter’s Mark (PC / PS4 / One)

Die beiden Entwickler des 9 Eyes Studios treten in die Fußstapfen ihres inspirierenden Vorbilds Final Fantasy Tactics. Zusammen mit Publisher 1C Entertainment veröffentlichen sie Fell Seal: Arbiter’s Mark mit den Tugenden der japanischen Strategy-RPG-Ära. Wir stürzten uns für euch ins Abenteuer und nahmen den vielversprechenden Titel im Review unter die Lupe.

Ein bisschen vermisse ich Final Fantasy Tactics schon. Die Mischung aus sehr inhaltsreicher politischer Fantasy, einem anspruchsvollen rundenbasierten Kampfsystem und schier unendlichen Möglichkeiten im Party Management zählt nicht umsonst für viele Spieler zu den besten Ablegern des ruhmreichen Franchises. Und während das Genre der Nippon-inspirierten Strategie-Rollenspiele mit Titeln wie The Banner Saga und Disgaea am Leben gehalten wird und mit Nintendos Prestigewerk Fire Emblem auch seinen Glanz noch nicht verloren hat, verblasst langsam die Erinnerung an die Blütezeit des SRPGs auf der ersten Playstation und dem Gameboy Advance.

Ebenso entzog sich allmählich meinem Bewusstsein, dass das Entwicklerduo des 6 Eyes Studios vor einiger Zeit eben diese Ära mit einem Kickstarterprojekt wieder aufleben lassen wollte. Mit einem bescheidenen Ziel waren sie auch schnell erfolgreich und konnten ihre Vision in Fell Seal: Arbiter’s Mark verwirklichen. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen, aber als großer Fan des Genres und der offensichtlichen Inspirationsquelle könnte ich mit dem Endprodukt kaum glücklicher sein.

Dabei sind die Säulen, die dieses Abenteuer tragen, keine außerordentlichen Unikate. Story, Rundentaktik und strategisches Management erfüllen ihren Zweck gut, haben aber nicht die inhaltlichen Höhepunkte eines Final Fantasy Tactics oder die spielerischen Besonderheiten von Fire Emblem. Erst in der Gesamtheit fügt sich alles zu einer erstklassigen Erfahrung zusammen. – Aber alles der Reihe nach.

Vor vielen Jahren besiegte eine Gruppe aus sieben Abenteurern eine monströse Bedrohung und rettete so die Welt. Ihnen wurde als Dank Unsterblichkeit geschenkt und bis heute regieren sie über den Planeten als der Rat der Unsterblichen. In ihrem Dienste stehen die Arbiter, weitestgehend autonome Krieger und Richter des Staates. Einen davon haben wir mit Kyrie an der Spitze unserer Truppe. Sie ist der Captain der Einheit, eine loyale, bedachte Frau mit besten kämpferischen Qualitäten. Zusammen mit ihren Gefährten wird sie zu Spielbeginn Zeugin eines Mordes, der sie tief in ein politisch und mystisch motiviertes Geflecht einspannt. Zwischen Korruption und Rebellion, Verrat und Heldentum entwickelt sich hier ein etwas vorhersehbarer und übersichtlicher, aber dafür auch nachvollziehbarer und durchweg interessanter Plot, der sich kurze und knackige, teils optionale Charaktergeschichten als Beilage erlaubt.

Die mindestens sehr solide Story profitiert auch stark vom astreinen Pacing. Keine großen Ausschweifungen, kein Leerlauf, keine Langeweile. Fell Seal hat mich von Anfang bis Ende inhaltlich astrein unterhalten.

Dieses hohe Niveau ohne Sphären der Superlative zu erreichen hält auch das Kerngameplay. Ganz nach dem Vorbild von Final Fantasy Tactics schicken wir unsere Gruppe, bestehend aus unterschiedlichen Rittern, Schurken, Magiern und auch experimentierfreudige Klassen wie dem Gambler oder dem Gadgeteer, in den Kampf. Runde für Runde befehligen wir unsere Charaktere über ein dreidimensionales, visuell und spielerisch ausgearbeitetes Schachbrett und führen vielseitige Aktionen aus, von simplen Nahkampfangriffen und Heilzaubern bis hin zu komplexen Synergien, situativen Reaktionen und hochspezifischen Fähigkeiten. Hierbei ist jeder Encounter hand-designt und weist eigene Ideen und Kniffe auf. Etwas mehr Mut für individuelle Besonderheiten hätte ich mir trotzdem gewünscht. So funktionieren simple Strategien auch auf höheren Schwierigkeitsgraden jederzeit zu reibungslos. Mehr Bosse, die ein Umdenken erfordern würden, hätten hier mit ihrer Dynamik das Spiel noch den letzten Meter zur höchsten Liga gezogen.

Diesen letzten Meter wandert Fell Seal dafür stolz bei seinem Charaktermanagement, das sich noch bis in die letzten versteckten Ecken der Weltkarte ausweitet. Das Jobsystem erinnert unweigerlich an Final Fantasy Tactics, wobei jeder Charakter eine Hauptklasse, eine Nebenklasse und passive Skills aus den Talentbäumen aller gemeisterten Klassen hat. Das Feintuning nehmen wir im Ausrüstungsbildschirm vor. Und wer aufmerksam die Weltkarte und die Schlachtfelder erkundet, schaltet noch zusätzliche geheime Jobs frei oder macht beispielsweise einen insektoiden Begleiter zum Monsterbändiger und Alleskönner.

Überhaupt ist der zusätzliche Content nur zu empfehlen. Die Belohnungen sind nicht alleiniges Ziel. Bereits der Weg dorthin ist mit seinen auflockernden Rätseln, spaßigen Szenen und exzellent designten Herausforderungen, die zu den Spitzen des Spiels zählen, das Abstreifen vom Hauptpfad allemal wert. Dabei ist alles geschickt kompakt gestaltet, so dass es keine Ausreden gibt, hier irgendetwas auszulassen. Aber in jedem Fall werden die 30-50 Stunden Spielzeit wie im Flug vergehen.

Beflügelnd ist auch das liebevoll handgezeichnete Art Design von Fell Seal. Mit einem malerischen Stil gelingt den Entwicklern eine bildhübsche Ästhetik, die mit einem romantischen Soundtrack passend musikalisch untermalt wird.
Ein kleiner Wermutstropfen sind technisch die Animationen. Sie fügen sich nicht immer homogen in das Gesamtbild ein und wirken oftmals etwas lieblos. Während wir unsere teils selbsterstellten Partymitglieder mit vielen Details individualisieren können, hätte ich mir gewünscht, dass das Equipment etwas mehr Einfluss auf die Optik hätte. Und zumindest die Statuseffekte sollten besser sichtbar sein. Ob ein Charakter vergiftet ist oder als Berserker herum wütet, sieht man erst, wenn man ihn auswählt, oder es bereits zu spät ist. Das technische Fundament ist aber trotz dieser kleinen Schwächen nicht nur performant, sondern auch schön anzusehen.

Fazit:
Nachdem ich für viele Jahre Final Fantasy Tactics vermisst habe und kein Titel meinen Durst so wirklich stillen konnte, kommt dieses unscheinbare Strategie-Rollenspiel von einem bescheidenen Entwicklerduo daher und bläst mich mit seiner unverhofften Qualität regelrecht weg. Nicht alles erreicht die Höhen der großen Leitbilder, aber das Gesamtwerk überzeugt auf ganzer Linie, lässt mich clever taktieren, strategisch planen, unterhält mich mit einer sympathischen Geschichte und profiliert sich mit seinen raffiniert designten optionalen Inhalten. Fell Seal: Arbiter’s Mark gehört zum absoluten Pflichtprogramm für Genrefans und darf sich als verspäteter Sprössling der vergangenen japanischen SRPG-Ära stolz zu den renommierten Vorbildern stellen.

(getestet von eape)