Im Test: Call of Cthulhu (PC, PS4, One)

Mit Call of Cthulhu veröffentlicht der französische Entwickler Cyanide Studio in Zusammenarbeit mit Publisher Focus Home Interactive die offizielle Videospielumsetzung des gleichnamigen Pen & Paper Rollenspiels, welches auf den weltbekannten Cthulhu Mythos von Horror-Autor H.P. Lovecraft basiert. Rollenspielartige Skill-Checks, kosmischer Wahnsinn, unfreundliche Dorfbewohner und das Unheil aus den Tiefen – mit Call of Cthulhu will Cyanide nicht nur eine würdige Umsetzung des Originals bieten, sondern auch gleichzeitig das beste Lovecraft-Videospiel seit Dark Corners of the Earth abliefern. Ob es ihnen dabei gelungen ist, unseren inneren Cthulhu zu erwecken oder dieser immer noch seinen tiefen Äonenschlaf hält, könnt ihr in unserer Review nachlesen.

Eigentlich sollte es in Boston für einen Privatdetektiv mehr als genug Arbeit geben, doch der von Albträumen geplagte Kriegsveteran Edward Pierce schafft es zwischen Schlafpillen und Alkoholsucht kaum noch von seiner Couch aufzustehen und lässt so einen Tag nach dem anderen verstreichen. Als eines Morgens jedoch der Geschäftsmann Stephen Webster an seiner Bürotür klopft, kann er das Interesse des Detektivs schnell für sich gewinnen. Pierce soll dabei zur Insel Darkwater reisen, um vor Ort den tragischen Tod von Webster’s Tochter Sarah zu untersuchen. Die Malerin, die durch ihre grotesken Gemälde weltweite Aufmerksamkeit erhielt, war vor wenigen Monaten mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Widersprüche, Gerüchte, irgendetwas muss auf der Insel vorgefallen sein, über das weder die Polizei noch die Bewohner sprechen wollen.

In Call of Cthulhu steht uns als Detektiv natürlich das Lösen des Falls an erster Stelle, weswegen wir hauptsächlich damit beschäftigt sind Hinweisen nachzugehen, Beweise zu sammeln und vor allem mit den Inselbewohnern zu reden. Da es sich bei dem Titel, wie bereits erwähnt, um eine Umsetzung des gleichnamigen Pen & Paper-Rollenspiel handelt, haben die Entwickler auch RPG-Elemente der Vorlage umgesetzt. So verfügen wir über ein Talentbaum mit insgesamt sieben Skills, wie Redegewandtheit, Stärke, Ermittlung, Psychologie, Entdeckung, Medizinkunde und Okkultismus. Während sich die ersten fünf mit verdienten Charakterpunkten verbessern lassen, die wir immer wieder über den Verlauf des Spiels bekommen, brauchen wir für Medizinkunde und Okkultismus bestimmte Literatur, die wir erstmal finden müssen. Die Talente lassen sich dabei meistens in Gesprächen anwenden, um weitere Dialogoptionen freizuschalten, die uns wiederum mehr Informationen aus den Personen herauslocken. Hier und da helfen sie uns aber auch dabei beim Erkunden der Umgebungen zusätzliche Geheimnisse aufzudecken oder Abkürzungen freizuschalten. Einen wirklichen Einfluss haben diese Skill-Checks aber nicht auf die verschiedenen Enden des Spiels, sondern werden diese eher durch einzelne Entscheidungen bestimmt. Somit fühlen sich die einzelnen Talente leider nicht so wichtig an, wie man es vielleicht Anfangs denken könnte.

Ebenso überraschend seicht ist die komplette Detektivarbeit. So sammeln wir in der Regel einfach nur einen Beweis nach dem anderen, ohne uns selber darüber Gedanken machen zu müssen, denn die Schlussfolgerungen trifft Edward von alleine, statt dem Spieler hier eine Möglichkeit zu geben, all die gefundenen Fakten richtig kombinieren zu müssen. So fühlt sich Call of Cthulhu öfters mehr wie ein Walking Simulator an, statt einer echten Pen & Paper-Umsetzung, die vor allem die Eigeninitiative des Spielers in den Vordergrund stellt.

Abseits davon setzen die Entwickler uns auch in seltenen Momenten direkten Gefahren aus, die wir meistens schleichend umgehen, oder sogar im letzten Viertel des Spiels mit Schusswaffen bekämpfen müssen. Das große Problem hierbei liegt in der Umsetzung dieser Aspekte, da die Mechaniken des Spiels eindeutig nicht darauf ausgelegt sind, irgendwelche Action-Sequenzen zu bieten. Während das Schleichen durch eine nicht vorhandene K.I. zwar anspruchslos, aber nicht großartig nervig ist, fällt es mir schwer die späteren Shooter-Einlagen in irgendeiner Form zu beschreiben, ohne dabei zu negativ zu klingen. Hier wurde dem Titel zu viel Ballast aufgezwungen, um irgendeine Form von Abwechslung zu bieten. Ein größerer Fokus auf die Detektivarbeit und mehr Mut zu richtigen Rätseln wäre hier deutlich sinnvoller gewesen.

Der große Pluspunkt von Call of Cthulhu ist eindeutig die dichte Atmosphäre, die der Titel von der ersten Sekunde bis zum Ende erzeugt. Das kommt einmal durch die passende musikalische Untermalung von Komponist Markus Schmidt, aber auch durch die tollen Locations und Setpieces, die wir in den circa acht Stunden Spielzeit besuchen. Egal ob wir dabei durch den dreckigen Hafen von Darkwater schlendern, die dunklen Gänge eines verlassenen Herrenhauses mit unserer Lampe erleuchten oder uns durch die geheimen Versuchslabore eines Krankenhauses schleichen, alles wirkt sehr detailliert umgesetzt und man kann die salzige Meeresluft förmlich einatmen. Ebenso hat Cyanide es geschafft, den immer größer werdenden Wahnsinn des Hauptcharakters glaubwürdig zu präsentieren. Etwas wirkliches Neues, gerade wenn es um lovecraftian Horror geht, ist dabei zwar nicht zustande gekommen, doch wenn man es gerade mit der aktuellen Konkurrenz vergleicht, die sich momentan leider zu sehr auf Jumpscares verlässt, ist Call of Cthulhu wieder ein Lichtblick in dem Genre.

Fazit:
Call of Cthulhu war ein Titel, auf den ich mich in diesem Jahr besonders gefreut hab. Endlich wieder ein Videospiel mit der offiziellen Lovecraft-Lizenz und vielleicht der würdige Nachfolger des 2005 erschienenen Dark Corners of the Earth, welches für mich persönlich immer noch mit die beste Videospiel-Umsetzung des Cthulhu Mythos darstellt. Doch leider scheitert Cyanide mit Call of Cthulhu an einigen Punkten, die den Titel wirklich besonders hätten machen können. Das Rollenspiel-System ist nicht so tiefgreifend, wie man vielleicht Anfangs vermuten könnte, das Sammeln von Beweisen beschränkt sich auf das reine Absuchen von Räumen, die getroffenen Entscheidungen wirken sich gefühlt nicht wirklich auf den Verlauf unseres Abenteuers aus und einige fragwürdige Game-Design Entscheidungen erzeugen teils heftiges Kopfschütteln. Dabei ist der Titel aber wirklich kein schlechtes Spiel, sondern bietet gerade Fans von H.P. Lovecraft eine sehr atmosphärische Umsetzung, die über Stärken, aber auch über klare Schwächen verfügt, welche im Gesamteindruck leider überwiegen. Wer also komplett hungrig nach einer neuen Lovecraft Versoftung ist und kein großes Problem mit den angesprochen Negativpunkten hat, kann definitiv einen Ausflug nach Darkwater wagen. Alle anderen warten und hoffen auf den nächsten Hoffnungsträger.

Call of Cthulhu ist seit dem 30. Oktober für PC, PlayStation 4 und Xbox One erhältlich. Getestet wurde die PC-Version.

(getestet von Dr. Para)