Early Access-Test: WRATH: Aeon of Ruin (PC)

Der Schock saß tief in der FPS-Gemeinde, als Doom Eternal wenige Wochen vor Release ins nächste Jahr verschoben wurde. Doch wie sagt man doch so schön? „Wo eine Tür zu geht, wird eine andere mit einer Ladung Schrot aufgeschossen!“ Das haben sich jedenfalls Entwickler KillPixel Games und Publisher 3D Realms gedacht und veröffentlichen nun als Ersatz ihren Retro-First-Person-Shooter Wrath: Aeon of Ruin im Early Access auf Steam. Kein Doom, aber verdammt nah an Quake dran, wirkt das Spiel wie aus einer Zeitkapsel. Wir haben die Waffen durchgeladen, Artefakte gesammelt, Dämonen gejagt und erzählen euch im Early Access-Test, ob sich der Sprung in die frühe Early Access-Version jetzt schon lohnt oder ihr doch lieber weiterhin auf Doom Eternal warten solltet.

Wir sind der Outlander. Ein Krieger, der sich gestrandet in einer verlorenen Welt wiederfindet, in der uns nur die Dunkelheit und Ruinen einer längst vergessenen Zivilisation umgeben. Ganz alleine? Fast, den neben allerlei Monster, treffen wir auch noch auf ein mysteriöses Wesen in Weiß, welches uns vor einer Prüfung stellt. So sollen wir in verschiedenen Gebiete der alten Welt vordringen und dort die verbleibenden Wächter zur Strecke bringen. Erst dann wird uns die Erlösung erwarten, die uns von unserem Schicksal befreien soll.

So lautet jedenfalls die Story-Zusammenfassung auf der offiziellen Steam-Seite von Wrath: Aeon of Ruin, denn im Spiel selber bekommen wir davon nichts zu Gesicht. Das ist aber auch nebensächlich, denn der Shooter will uns in keinem spannenden Plot verwickeln, sondern in erster Linie von einer Ballerorgie zur nächsten bewegen. Wrath spielt sich dabei sehr klassisch und der Vergleich mit Quake fängt hier nur an. Wir rennen durch die Level, weichen feindlichen Projektilen so gut wie es geht aus, schießen dabei alles über den Haufen, was sich irgendwie bewegt und vor allem immer aus der Hüfte! Kein neumodischer Sprint, keine Aim-Down-Sights und vor allem kein regeneratives Gesundheitssystem. Jeden Schaden, den wir einstecken, müssen wir mit blutgefüllten Reagenzgläsern ausgleichen oder wir sammeln direkt Rüstungen ein, die uns den nötigen Schutz gegen die finsteren Horden geben. Und dann wären da natürlich die Waffen. Diese wirken zwar, mit einer Gesamtzahl von fünf Stück, recht überschaubar, decken aber grob das wichtigste ab und fühlen sich nie überflüssig an. Egal in welcher Situation wir uns auch befinden, einer von den Fünf passt, was sicherlich auch an dem alternativen Feuermodus liegt, über den jede Waffe verfügt. Den Anfang macht die sogenannte Ruination Blade, eine Schwertklinge, die fest mit unserem Arm verbunden ist und nicht nur dazu dient, Gegner in Stück zu reißen, sondern uns auch dabei hilft Abgründe zu überwinden. Laden wir nämlich die Klinge mit der rechten Maustaste auf, befördert uns der Stich nach vorne mehre Meter durch die Luft. Jetzt schon der Liebling aller Speedrunner. Weiter geht es mit der Coach Gun, unserer Allround-Pistole, die Slug Munition abfeuert und damit selbst weit entfernte Ziele noch gut trifft. Gleichzeitig können wir sie aber auch alternativ als kleine Schrotflinte benutzen, da sie auch noch ein Streuschuss bereithält. Die klassische doppelläufige Schrotflinte braucht keine lange Vorstellung und funktioniert genau so, wie man sich sie vorstellt. Dann hätten wir noch Fang Spitter, eine Gatling Gun, welche die Fangzähne unserer Feinde in unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausspuckt. Zu guter Letzt wäre da noch der Retcher, ein Granatenwerfer mit giftiger Ladung, der auf Tastendruck diese auch in einer kurzen Salve abfeuern kann. Gerade letzteres hat sich öfters als sehr effektiv erwiesen, wenn auch die Flugrichtung teilweise schwer einzuschätzen war, bei dem vielen ausweichen und springen. Egal was wir aber auch benutzen, um die Schrecken von Wrath wieder zurück in die Hölle zu schicken, über Munitionsmangel muss man sich keinen wirklich Kopf machen. Einige Gegner hinterlassen Munition für die Fang Spitter und Retcher und für den Rest liegen in der Regel reichlich Kisten herum, die uns regelmäßig auffüllen.

Zusätzlich zu den Waffen finden wir im Verlauf unserer Reise verschiedene Artefakte, die fast genau so wichtig sind, wie unsere Ballermänner. Durch Cruel Aegis verwandeln wir uns, im Tausch gegen einen großen Teil unserer Gesundheit, für wenige Sekunden zu einem Gott. Mit Life Siphon erhalten wir diese aber wieder schnell zurück, wenn wir Feinden in einem bestimmten Zeitraum das Leben aushauchen. Und dann wäre da noch Soul Tether, welches quasi als Checkpoint dient. Checkpoints in einem FPS? Richtig gelesen, statt jede Sekunde einfach F5 für ein Quicksave zu drücken, müssen wir uns in hier auf Checkpoints verlassen, was dazu noch ein Verbrauchsgegenstand ist. Im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig, merkt man aber recht schnell, dass wir regelmäßig über neue Soul Tether stoßen und ein sparsamer Umgang nicht wirklich notwendig ist. Zusätzlich sind in den Maps ca. drei Schreine verteilt, die es uns erlauben, einmalig das Spiel zu speichern.

Wo wir dann auch schon bei den Leveln von Wrath: Aeon of Ruin wären. In der aktuellen Version dürfen wir uns durch zwei Stück kämpfen, inklusive einem Hub-Areal, welches alle bestehenden und zukünftigen Level miteinander verbindet. Als Erstes hätten wir The Undercrofts, ein verwinkeltes Mausoleum, welches uns später wieder an die Oberfläche zu einem verschneiten Friedhof führt. The Mire hingegen steckt uns in ein verlassenes Verließ, welches nach den Jahrhunderten droht, selber im Sumpf zu verschwinden. Beide Levels benötigen ungefähr zwischen 40 und 60 Minuten Spielzeit, je nachdem ob man auf die Jagd nach Geheimnissen geht. Wirklich beeindruckend ist dabei der komplexe Aufbau und die noch bessere Atmosphäre, die den Spieler sofort in sich einsaugt. Was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass für das Level-Design Romain „Skacky“ Barrilliot verantwortlich ist, der selber in der Vergangenheit hochwertige Thief (aka Dark Project) Maps veröffentlicht hat. Ein weiterer Grund für das stimmige Gesamtbild ist natürlich auch die komplette Optik hinter dem Titel. Wrath sieht nicht nur aus wie Quake, es läuft sogar auf der gleichen Engine. Gut, es handelt sich zugegeben um eine stark modifizierte Version der Engine namens DarkPlaces, die von Entwickler Forest „LordHavoc“ Hale im Jahre 2000 veröffentlicht worden ist. Das Grundgerüst ist aber wie damals, nur dass die aktuelle Version eben einige Vorteile zum Original hat. Bloom, Echtzeit Licht- und Schatteneffekte, Partikeleffekt, Bumpmapping und noch vieles mehr sorgen dafür, dass Wrath so aussieht, wie man das Vorbild vielleicht noch in Erinnerung hatte. Für den Job des Komponisten hat man ebenso die richtige Wahl getroffen und Andrew Hulshult ins Boot geholt. Der Mann hat in den letzten 12 Monaten die besten Retro FPS (u.a. Dusk, Amid Evil und Nightmare Reaper) mit seiner Musik versorgt und auch hier eine ausgezeichnete Arbeit abgeliefert.

Da sich der Titel noch in einer frühen Early Access-Phase befindet, ist die Frage nach zukünftigen Updates natürlich berechtigt. Aktuell verfügt das Spiel über zwei Level, fünf Waffen, acht Gegner und vier Artefakte. KillPixel Games will bis zur Veröffentlichung der Vollversion drei Content-Updates liefern, die nach und nach jeden Aspekt erweitern sollen. Das heißt drei weitere Level, vier Feinde und jeweils eine Waffe und ein Artefakt sollen darüber noch ihren Weg ins Spiel finden. Die Vollversion, die scheinbar für Sommer 2020 geplant ist, soll dazu noch einen Multiplayer-Modus bieten. Ob das nur PVP oder auch PVE abdeckt, ist noch nicht bekannt.

Fazit:
Es ist schon der Wahnsinn, was wir seit einem guten Jahr alles an starken Retro-FPS-Titeln von kleinen Indie-Studios bekommen haben, die alle ihre Erwartungen gehalten oder sogar übertroffen haben. Nun folgt mit Wrath: Aeon of Ruin ein weiteres Glanzstück in dieser Reihe. Es sieht aus wie Quake, spielt sich wie Quake und klingt wie Quake. Einziger Wermutstropfen ist der aktuell noch eher spärliche Umfang. Das Ende hat man nach gut zwei Stunden gesehen und abseits davon gibt es nicht viel zu entdecken. Da aber gerade Publisher 3D Realms vor wenigen Monaten schon Ion Fury erfolgreich aus der Early Access-Phase geholt hat, sind meine Befürchtungen in der Richtung eher minimal. Ego-Shooter-Fans der alten Schule und vor allem Fans von Quake dürfen dieses Spiel auf keinen Fall verschlafen. Nicht jetzt und spätestens nicht zur Vollversion.

Wrath: Aeon of Ruin ist seit dem 22. November im Early Access auf Steam und GOG erhältlich. Die Veröffentlichung der Vollversion und Konsolen-Portierungen für Playstation 4, Switch und Xbox One sind für 2020 geplant.

(getestet von Para)