Im Test: Virginia (PC, Playstation 4, XBOX One)

Das neugegründete Entwicklerstudio Variable State veröffentlicht unter dem Indie-Label 505 Games sein Debüt. Mit Virginia traut sich das junge Studio ins blühende Territorium des modernen Adventures, des cineastischen, interaktiven Erlebnisses, und reizt neugierige Gamer als düsterer Mystery-Thriller. In unserem Review erfahrt ihr, ob sich der Abstecher ins ländliche Virginia lohnt.

Virginia, 1992. Anne Tarver trägt sich noch etwas Lippenstift auf. Sie blickt ein letztes Mal in den Spiegel, dann greift sie nach ihrem rätselhaften Talisman, einem abgebrochenen Schlüssel. Ehe sie weiß wie ihr geschieht, überreicht ihr ein Anzugträger unter Blitzlichtgewitter einen Dienstausweis. Sie ist jetzt FBI Agentin. Und sie erhält nicht nur ihre Marke, sondern sogleich ihren ersten Fall und eine mürrische, erfahrene Partnerin.

Der Einstieg weckt Erinnerungen ans amerikanische Kino der 90er-Jahre. An Produktionen wie Twin Peaks, Akte X und Fargo. An verworrene, undurchsichtige Fälle, die sich von simplen Vermisstenanzeigen tief unter die Oberfläche amerikanischer Sicherheitsbehörden und ländlicher Idylle bohren und sich in ein surreales Mysterium hineinsteigern.

Virginia ist genau das und es macht kein Geheimnis daraus, sich bei diesen Klassikern zu bedienen. Es zitiert Szenen wissentlich und zollt den Vorlagen dabei Tribut, schafft es aber dennoch Identität und Eigenständigkeit zu behalten. Das beweist das Spiel am besten bei der Inszenierung. So hat das Spiel nicht nur einen meist freundlichen, wenn auch groben Comiclook, es kommt als stummes Adventure ohne Dialoge daher. Die Stimme der Geschichte sind pointierte Soundeffekte und ein herausragender orchestraler Soundtrack, der das jeweilige Szenenbild jederzeit treffend vermittelt.

Bei der visuellen Umsetzung sind wir aber wieder bei modernen Stilmitteln der Klasse David Lynch. Harte, plötzliche Schnitte teilen die Geschichte in prägnante, dichte Szenen, gefüllt mit undurchsichtiger Symbolik und ausdrucksstarker Bildsprache. Die Grenze zwischen realen und Traumsequenzen wird oftmals aufgebrochen. Das Adventure wird zu einem rauen und berauschenden Trip in Spielfilmlänge.

Und ‚Spielfilm‘ trifft den Geist von Virginia wohl auch am besten. Die Interaktion mit der Spielwelt reduziert sich auf kurze Laufwege und das Auslösen der nächsten Aktion durch einen simplen Knopfdruck. Es gibt keine alternativen Wege, keine Entscheidungen und quasi keinen optionalen Inhalt. Das interaktive Medium Videospiel dient hier lediglich als Treibstoff für die Immersion und die Geschichte belastet sich nicht mit Gameplay.

Während ich es schätzen kann, dass kein Alibigameplay eingebaut wurde, dass keine aufgesetzten Rätsel oder Reaktionsspielchen den Thriller untergraben, ist es schade, dass die Erfahrung nicht durch die mögliche Interaktivität ausgebaut wurde. Die kurze Spielzeit und die kurzen Szenen laden zu wiederholten Durchgängen ein, um die mehrschichtige und mehrdeutige Handlung aufzuschlüsseln. Und ein zweiter Trip nach Virginia ist sowieso nur zu empfehlen, um überhaupt den oberflächlichen Plot zu verstehen. Dann aber fehlt optionaler Inhalt, der den aufmerksamen Ermittlergeist bei der Stange hält. Stattdessen wurden im Spiel beliebig einige wenige Objekte wie Federn und Blumen versteckt, die lediglich dem Aufpoppen eines Spielerfolges dienen.

Das ist besonders bedauerlich, da die finalen Szenen die bis dahin schwierige, aber dennoch nachvollziehbare Story mit surrealen Bildern und Metaphern überschwemmen. Hier verliert man schnell den roten Faden und der bis dahin spannende Thriller seinen Spannungsbogen. Zusätzlicher Inhalt, optional oder nicht, wäre hier eine angenehme Stütze für die Dramaturgie gewesen.

Größter Kritikpunkt ist aber die Technik. Virginia hat ein rohes Art Design, das je nach Gusto mal stilistisch begeistert, mal plump und billig wirkt. Keine Geschmacksfrage ist aber die unterirdische Framerate auf den Konsolen. Die spielbaren Areale sind winzig und kaum interaktiv und dennoch stockt das Spiel durchgehend und das führt zu einer ungenauen, schwammigen Steuerung. Ärgerlich für die cineastische Erfahrung.

Fazit:
Virginia ist mutig. Nicht nur tritt das Spiel gezielt in die Fußstapfen großer Filmregisseure surrealer Mystery-Thriller, es reduziert das bereits stark limitierte Gameplay der verschmähten Walkingsimulatoren auf ein absolutes Minimum. Und technisch macht es gegen die Konkurrenz keinen Stich. Und doch zahlt sich der Mut aus. Virginia ist stumm, aber ausdrucksstark, es ist restriktiv, aber pointiert, vage und chaotisch und doch spannend. Und trotz der aktuellen Popularität des Genres ist es neuartig und somit ein Muss für jeden interessierten Nischenspieler und Cineasten.

(getestet von eape)