Im Test: Observation (PC / PS4)

Das schottische Studio No Code heimste mit dem psychologischen Horror-Adventure Stories Untold bereits viele internationale Preise ein. Vom Genre haben sie sich mit ihrem neuesten Werk Observation nicht weit entfernt, schwenken das Szenario jetzt aber Richtung harter Science Fiction. Publisher Devolver Digital publiziert den Weltraum-Thriller auf PS4 und PC, und in unserem Test erfahrt ihr mehr über unseren Ausflug auf die geheimnisumwitterte Raumstation.

Als in den 60ern die Raumfahrt den ersten Menschen Juri Gagarin ins All schickte und auch die künstliche Intelligenz einen Meilenstein mit dem Projekt zur Erschaffung des ersten Androiden WABOT feierte, blühte im Schlepptau die Science Fiction zu ihrer unvermeidbaren Hochphase auf. Werke wie Kubricks Filmklassiker 2001: A Space Odyssey und Lems Roman Solaris manifestierten diese Faszination für die nun greifbare Unendlichkeit des Universums in ihren Geschichten; und spannen den Gedanken bis zur schicksalhaften Bedrohung für den Menschen weiter, die sich durch extraterrestrische und künstliche Intelligenzen abseits unseres beschränkten Verständnisses ergibt.

Diese Motive übernimmt auch No Code’s Adventure-Thriller Observation. Was aber inhaltlich und auch ästhetisch direkt Vergleiche zur goldenen Ära der Science Fiction provoziert, entkommt mit einem cleveren Twist potentiellen Plagiatsvorwürfen. In diesem Spiel übernehmen wir nämlich die Rolle des prädestinierten Antagonisten, der AI-Einheit SAM. Und das führt direkt zum Start zu simplen und doch bereits philosophischen Entscheidungen. Als uns die Astronautin Emma Fisher auf der Raumstation Observation mit einer Authentifizierungsanfrage begrüßt, entscheiden wir bewusst aufgrund von analytischen Daten über die Annahme oder Ablehnung.

Die Kommunikation und Interaktion mit Emma soll auch bis zum Ende zentraler Bestandteil des Spiels sein. Zusammen mit ihr untersuchen wir die rätselhaften Ereignisse auf der scheinbar verwaisten Station und erkunden die unterschiedlichen Stationsarme. Dabei ist Emma die treibende Kraft hinter unsere Aktionen, unsere digitale Allmacht entwickelt sich aber schnell zu mehr als nur einem Werkzeug und es dauert nicht lange bis wir weitestgehend selbstständig jede Ecke der Raumstation auskundschaften.

Als künstliche Intelligenz sind wir dabei erst einmal körperlos. Unsere Systeme erlauben uns allerdings den Zugriff auf die zahlreichen Kameras des Konstrukts. Von ihnen aus steuern wir Laptops, Steuerungseinheiten für Türen und etwas später auch mobile Flugkörper zum freien Erforschen der mysteriösen Umstände. Das eigentliche Gameplay bleibt dabei sehr limitiert. Einfach gestrickte Puzzles und banale Klickaufgaben simulieren den Hackingprozess. Die Spielerfahrung fokussiert sich trotz der hohen Interaktivität auf die Narrative und die Beleuchtung der Hintergründe der Phänomene auf der Observation.


Und die Inszenierung glänzt in diesem Weltraumdrama. Trotz der überwiegend starren Kameraperspektiven findet die Regie hier die richtigen Einstellungen für eine ungeahnte Immersion. Der ultrarealistische, authentisch-neutrale Look des Spiels lässt das Herz von Raumfahrtenthusiasten höher schlagen, während optische Verzerrungen und digitale Interferenzen uns in die Rolle der künstlichen Intelligenz fühlen lassen. Die Geräuschkulisse und manchmal auch die Abwesenheit jener schaffen eine mulmige, bedrohliche, eigenwillige Atmosphäre, die dann in den mächtigen elektronisch-entstellten Paukenschlägen des überragenden Soundtracks ihre Höhepunkte findet.

Der Horror ist hier gestaltlos. Wie in den inspirierenden Werken der 60er ist er subtil und zielt eher auf das Unterbewusstsein als auf effektvolle Jumpscares ab. Observation liefert keine wilde Achterbahnfahrt, sondern ist über lange Strecken innerhalb seiner ungefähr fünf Stunden Spielzeit eine entschleunigte, wenn auch atmosphärisch angespannte Reise. Gerade anfangs sind die Aufgaben noch recht vage und erfordern ein wachsames Auge statt den Spieler an die Hand zu nehmen. Leider baut Observation diese Erkundungsreize zum Ende hin stark ab und serviert die Lösungen für Probleme einen Klick entfernt auf dem Silbertablett, während nur Neugierige sich auf die Suche nach verschollenen Emails und Dokumenten machen werden.

Im Gegenzug kommt der Spielfluss nicht ins stocken und die Story überzeugt mit einer wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit und künstlerischen wie philosophischen Eruptionen, die dieses Medium in dieser reifen Form selten erlebt.


Der Preis für diese immersive, realistische Erfahrung sind regelmäßige Ruckler, von denen auch die PS4 Pro nicht verschont wird. Man kann argumentieren, dass die träge und manchmal etwas mühsame Steuerung zur Authentizität beiträgt – und nach etwas Eingewöhnung empfand ich es tatsächlich so, – ungeduldige Spieler könnten hier aber an ihre Grenzen stoßen.

Fazit:
Wenn die Raumstation für eine gefühlte Ewigkeit als bedeutungsloser Flugkörper auf der Bühne der unendlichen Weiten des Weltalls präsentiert wird, zitiert Observation ehrerbietig 2001: A Space Odyssey. Und der einsame Ausblick aus dem Bullauge auf eine Realität fernab unserer Auffassungsgabe verneigt sich vor Solaris. Aber Observation befasst sich nicht nur mit diesen visionären Themen der 60er-Jahre Science Fiction auf authentische und seriöse Weise, sondern vereint sie mit eigenen, originellen Ideen, die so nur in einem interaktiven Medium möglich sind, und verpackt sie in eine ausgesprochen hochwertige, atmosphärisch wie inhaltlich packende Inszenierung.

Vielleicht weniger die erhoffte Horrorerfahrung, ist Observation dafür ein sensationelles narratives Weltraum-Adventure, das für erwachsene Spieler mit Faible für inhaltlich anspruchsvolle, harte Science Fiction zu den unerwarteten Offenbarungen zählen dürfte.

(getestet von eape)