Im Test: Neo Cab (PC, Switch)

Das unabhängige Studio Chance Agency aus dem sonnigen Kalifornien liefert mit dem Visual Novel sein Debüt. Wir schlüpfen in einer Cyberpunk’esquen Zukunft in die Rolle von Lina, einer Taxifahrerin, die einen Neuanfang im Leben sucht. Dank Publisher Fellow Traveller erfahrt ihr in unserem Test, ob dieses Vorhaben gelingt.

Es ist eine moderne Form der Romantik, einer Großstadtsehnsucht. Die Straße im Rot der Abenddämmerung umhüllt, am Horizont die leuchtende Metropole. Lina flüchtet in die Stadt. Sie sucht einen Neuanfang, der sie von ihren alten Lasten befreit. Dafür muss sie sich aber erst einmal von alten Dämonen lösen und mit einer alten Freundin Frieden schließen, bei der sie nach langer Trennung einziehen will.

Persönliche Dramen sind aber nur ein Teil des dystopischen Alltags. Wir befinden uns in einer dunklen Zukunft, die von der Machtgier weniger Megakonzerne und staatlicher Überwachung bestimmt wird. So ganz kann man sich diesem ultrakapistalischen System nicht entziehen, und auch Lina trägt ihren Teil als Zahnrad der Marktmaschinerie bei.

Sie ist Neo Cab-Fahrerin. Das ist die überwachungsfreie Alternative zu den staatlichen Taxen der Capra Corporation. Und in ihrem Auto, spielt sich nicht nur ihr berufliches, sondern auch ihr privates Leben, und somit auch das ganze Spiel, ab.

Neo Cab ist ganz grob gesagt ein Visual Novel. Im Mittelpunkt stehen die Dialoge mit unseren Mitfahrern. Nebenher managen wir auch unseren Finanzhaushalt. Wir müssen unser Elektrofahrzeug tanken, unsere Fahrerbewertung im Blick behalten, die passenden Kunden auswählen, und hoffen, dass am Ende des Tages noch genug Geld zum Leben bleibt. Diese kleine Ökonomie bietet nicht sonderlich viel Spieltiefe, sie ist aber ein zusätzlicher Faktor für eine Kommunikationssimulation, die eben auch auf inhaltlicher Ebene die Industrie, den Kapitalismus und verwandte Themen diskutiert.

Ich schreibe bewusst Kommunikationssimulation, weil Neo Cab meiner Meinung in seinen Dialogmechaniken etwas weiter geht als die Konkurrenz, und mit seiner Methodik sehr nahe an reale Gespräche heranreicht. So sind unsere Dialogoptionen von unserem Gemütszustand abhängig, der wiederum von unseren Entscheidungen beeinflusst wird. Beispielsweise ist Lina sehr industriekritisch. Geraten wir in eine Diskussion über einen kontroversen Konzern, müssen wir uns selbst mit den richtigen Optionen beruhigen, um die Fassung zu bewahren. Sonst schaukelt sich der Hass schnell auf und verbietet uns immer stringenter bedachte, rationale Entscheidungen und forciert im Wutrausch emotionale Reaktionen.

Das schadet im Zweifelsfall nicht nur dem Gemüt, sondern auch dem Portemonnaie, wenn unsere Kunden auf unserem Fahrerprofil eine negative Wertung hinterlassen. Interessanterweise hat es das Spiel hierbei wirklich geschafft diesen Zwiespalt zwischen einem eigenen Wertegefüge und Existenzängsten realistisch zu simulieren. Als ein betrunkener Premiumkunde mir in den Wagen erbricht, fiel es schwer, nicht ausfallend zu werden. Das clevere Writing lies mich die Situation empathisch miterleben. Als der dreiste Trunkenbold noch die Tat leugnete, verlor ich etwas die Geduld und kam aus der Sache nur noch mit einer negativen Bewertung davon. Diese Auseinandersetzung fernab metaphysischer Diskussionen und persönlicher Tragödien demonstriert wie wichtig dem Spiel die eigene Gefühlswelt ist und füllt somit eine interessante Nische, die sanft die vierte Wand durchbricht.

Aber das ist natürlich nur ein Teilaspekt der Handlung. Die eigentliche Story ist größer ausgelegt und führt uns in Gefilde der Kriminalität und Korruption, der LIebe und es Verlusts, des Kapitalismus und der Rebellion. Und kein Thema steht für sich selbst oder erhebt Anspruch auf moralische Überlegenheit. So erzählt uns ein Gast, dass er gerade von einem Polizisten angefahren wurde. Als er Mitglieder einer revolutionären Bewegung rief, ignorierten sie ihn und seine Verletzungen und stürzten sich auf die zweifelhaften Gesetzeshüter. Neo Cab urteilt über die Gesellschaft, ergreift aber nicht Partei und bemüht sich um eine Darstellung aus mehreren Perspektiven.

Angenehm sind dabei die kurzen Fahrepisoden, die immer wieder zu einer Session einladen. Die Geschichte ist nach ungefähr sechs Stunden zuende erzählt, bietet aber genug Optionen, die weitere Durchgänge rechtfertigen. Nicht nur wird man im ersten Durchgang nicht ansatzweise alle möglichen Fahrgäste zu Gesicht bekommen, auch kann die Handlung je nach Entscheidungen völlig anders verlaufen.

Stilistisch verrät das Spiel die kleine Größe des Studios. Die Grafik ist minimalistisch gehalten. Auffällig ist aber der gelungene Soundtrack mit seinen 80er-Jahre Synthbeats, die Neo Cab seinen Retrocharme verleihen.

Fazit:
Neo Cab zeichnet sich als westliches Visual Novel durch zwei Dinge aus: Das gefühlszentrische Dialogsystem, das Kommunikation auf einfache, aber effektvolle Weise authentisch simuliert. Und die modernen Themen, die das Spiel mutig und feinfühlig anspricht. Trotz der bescheideneren Produktionswerte sollten Fans von VA-11 Hall-A und Night in the Woods auch diesem gesellschaftskritischen, reifen Abenteuer eine Chance geben.

(getestet von Wladyslaw Oswiecimski)