Im Test: Kingdom Come: Deliverance (PC, PS4, XBOX One)

2014 starteten die tschechischen Warhorse Studios rund um Daniel Vávra, seines Zeichens Autor renommierter Spiele wie Mafia und Mafia 2, eine Kickstarter-Kampagne, um ein ambitioniertes Rollenspiel zu finanzieren. Die Idee war es, eine Rollenspiel mit realistischem Anspruch zu erschaffen. Keine Magie, keine Drachen, keine Orks oder Elfen. Kingdom Come: Deliverance präsentiert Ritter, Maiden, Burgherren und mittelalterliche Schlachten im Böhmen des 15. Jahrhunderts. Unter realistischen Bedingungen ist es am Spieler, in der Haut von Heinrich, dem Sohn eines Schmieds, den Tod des eigenen Vaters zu rächen. Doch wo beginnen?

Es ist ein ganz normaler Tag in Skalitz, dem kleinen, verschlafenen Dörfchen, in dem Heinrich seinem Tagesablauf nachgeht. Am Vorabend wurde ordentlich gebechert. Unter Geschrei von Mutti kämpft sich Heinrich aus dem Bett, um der Arbeit nachzukommen. Immerhin wartet sein Vater schon in der Schmiede. Doch bevor er sich dem Alltag stellt, wird erstmal reichlich gefrühstückt.

So beginnt Kingdom Come: Deliverance. Sobald man Kontrolle über Heinrich übernimmt, sieht man die erste Anzeige des Spiels: Hunger. Mit leerem Magen lässt sich bekanntlich nicht gut arbeiten, geschweige denn abenteuern. Mutter hat ein paar Fladenbrote gebacken, die kommen gerade recht und stillen den Hunger ganz wunderbar. Aber bloß nicht zu viel speisen! Schießt man über die Anzeige hinaus, gibt es einen Malus in Form eines Schweinekopfes. Hat man zu viel gegessen, ist man in seiner Bewegung eingeschränkt und die Ausdauer nimmt bei anstrengenden Aktionen wie sprinten oder schleichen schneller ab.

Nach dem Frühstück geht es los mit einem ganz normalen Tag in Heinrichs Leben. Die ersten Stunden dienen als Tutorial und stellen dem Spieler viele der Systeme vor, mit denen man sich die kommenden 50 Stunden befassen muss. Die erste Aufgabe, die Heinrich von seinem Vater bekommt, ist das Eintreiben von Schulden für verkaufte Werkzeuge. Mit dem Geld soll er dann Bier in der Taverne sowie Kohle für den Ofen beim örtlichen Köhler kaufen. Beim Schuldner angekommen, stellt sich heraus, dass er gar kein Geld hat. Jetzt besteht die Möglichkeit, ihn im Gespräch zu überzeugen, ihm direkt eins auf die Mütze zu geben oder ihn hinterrücks außer Gefecht zu setzen und ihn dann zu bestehlen. Bei den Quests haben sich Warhorse selbst übertroffen und bilden – neben der imposanten Optik – das wohl bemerkenswerteste Fundament des Titels. Jede Quest lässt sich auf verschiedene Weisen angehen, ganz wie es dem Spieler beliebt. Hier kommt auch das ausgefeilte Charaktersystem zum Einsatz. Ähnlich wie in den Elder Scrolls-Titeln bekommt Heinrich Erfahrung in verschiedenen Kategorien und Fertigkeitssparten. Prügelt er sich oft, steigt seine Stärkestufe. Hat er genug Erfahrung gesammelt, erhält er einen Fertigkeitspunkt, mit dem er dann eine spezielle Fertigkeit im jeweiligen Fertigkeitenbaum freischalten kann. Steigt er in den jeweiligen Fertigkeitenstufen auf, verdient Heinrich auch eine allgemeine Stufe, so schaltet er dann in einem übergeordneten Baum Fähigkeiten frei, die ihm das raue Leben in Böhmen erleichtern. So gibt es beispielsweise die Fähigkeiten länger satt zu sein oder mit weniger Schlaf auszukommen. Auch hier bemühen sich die Warhorse Studios nicht zu sehr über die Stränge zu schlagen und bleiben dem realistischen Ansatz des Rollenspiels treu.

Das Aufsteigen in den jeweiligen Stufen ist auch bitter nötig, denn Heinrich ist nur ein ganz normaler Junge und verfügt nicht über besondere Fertigkeiten. Er ist nicht trainiert im Schwertkampf, kann keinen Bogen nutzen und nicht lesen. Die ersten Stunden in Kingdom Come: Deliverance können daher ziemlich hart sein. Das merkt man spätestens, nachdem sich das Spiel nach zirka fünf Stunden öffnet und man die 16km² Welt frei erforschen darf. Schnell wird bewusst, dass selbst ein spärlich ausgerüsteter Dieb Heinrich aus den Latschen hauen kann. Jeder Kampf muss also vorbereitet und taktisch überlegt sein. Beim Kampfsystem orientieren sich Warhorse an echten Kampfkünsten aus dem Mittelalter. Es gilt, Geduld zu bewahren, rechtzeitig zu blocken und die Schwachstellen des Gegners auszumachen. Selbst ein Ritter in voller Montur geht schnell zu Boden, sollte es Heinrich gelingen, ihm einen beherzten Schlag durch das Visier zu verpassen. Gekämpft wird allerdings nicht immer bis zum Tode. Selten sind eure Gegner mutig genug bis dahin zu gehen. Oftmals ergeben sie sich oder fliehen. Sollten sie sich ergeben, hat der Spieler die Möglichkeit, Informationen aus Ihnen heraus zu kitzeln, etwas Geld oder Ausrüstung zu erpressen oder sie auf der Stelle zu erschlagen und so alles an Hab und Gut zu bekommen, dass der Gegner bei sich trägt. Alles was man am Gegner sieht, kann man auch erbeuten. Hat ein Gegner ein schickes Kettenhemd, so ist es vielleicht die beste Idee, ihm den Garaus zu machen, um so an das begehrte Stück zu kommen, denn gute Ausrüstung ist teuer oder schwer zu finden.

Heinrich hat 14 Ausrüstungsplätze, in denen er frei experimentieren und mischen kann. Allerdings muss immer das Gesamtgewicht im Auge behalten werden. Trägt Heinrich zu viel Ausrüstung, wird er auch langsamer und behäbiger. Gute Ausrüstung will auch gewartet werden. Sieht er verlottert aus, so halten NPCs ihn häufig für einen verlotterten Vagabunden, glänzt seine Rüstung hingegen und Heinrich kommt frisch gewaschen daher wie aus dem Ei gepellt, so würdigen das seine Gesprächspartner und Adelige sowie Pöbel sind eher bereit ihm Informationen zu geben, da sie der Meinung sind, es handele sich um einen echten Ritter. Ja, auch auf Körperhygiene muss geachtet werden, waschen kann man sich am Trog oder im Badehaus gegen hart verdiente Groschen.

Auch lesen will gelernt werden. In einer späteren Nebenquest hat Heinrich die Möglichkeit, seine ersten Schritte in der Welt der Buchstaben zu tätigen, was ihm fortan komplett neue Möglichkeiten verschafft. Übt er sich im Lesen, in dem er sich Zeit nimmt und ein Buch liest, so entfalten sich komplett neue Möglichkeiten. In einer Quest müssen wir einen Mord untersuchen. Die Leiche wurde an eine Wand genagelt und mit Blut wurden Worte an die Wand geschmiert, ist die Lesefertigkeit von Heinrich zu gering, sieht der Spieler nur unleserliche Symbole an der Wand. Es lohnt sich also, die Zeit zu investieren und lesen zu lernen.

Generell ist Zeit ein omnipräsenter Faktor bei Kingdom Come: Deliverance. Das Spiel entfaltet nur langsam seine volle Bandbreite und nimmt sich viel Zeit für Story, diverse Aktionen und das allgemeine Erzähltempo ist eher langsam und gemächlich, was der Atmosphäre in die Karten spielt, da Charaktere und Ereignisse die Möglichkeit haben ausreichend präsentiert zu werden. Die Gespräche und vor allem die Zwischensequenzen gehören zu den Highlights des Spiels. Bei der Inszenierung haben die Warhorse Studios ihre Hausaufgaben gemacht, Szenen werden in tollen Kamerapositionen eingefangen und die Vertonung auf Deutsch sowie auf Englisch kann sich hören lassen. Die Sprecher machen durchweg einen guten Job und geben den Charakteren starke Persönlichkeiten. Auch wenn die Vertonung nicht immer ganz lippensynchron ist.

Einziger Wermutstropfen zum Zeitpunkt des Tests waren die Fülle an Bugs, die das Genre leider mit sich bringt. Auch Kingdom Come: Deliverance bleibt es nicht erspart von lästigem Krabbelvieh heimgesucht zu werden. Clippingfehler, NPCs die durch Wände gehen, Questobjekte die verschwinden, Pferde auf Dächern, das sind nur kleine Beispiele von Spielfehlern, die wir in unserem Test erlebt haben. Aber hier haben die Mannen rund um Daniel Vávra bereits Nachbesserung versprochen. Wir bleiben also guter Dinge.

Fazit:
Am Ende des Tages ist Kingdom Come: Deliverance ein Ausnahmetitel. Sowohl in der Präsentation als auch in den Spielsystemen handelt es sich bei KCD um einen Titel, den wir nicht alle Tage spielen dürfen. Mainstream-Gepflogenheiten werden beiseite geschoben, um ein angenehm anspruchsvolles Spielerlebnis zu erschaffen, welches vielleicht nicht durch seine Story, aber durch seine Reise bis zum Finale in den Köpfen der Spieler bleibt. Die Weichen für eine goldene Zukunft haben die Warhorse Studios auf jeden Fall schon einmal gestellt. Man kann gespannt sein auf die Zukunft des Studios und bis dahin das beeindruckende Erstlingswerk der Tschechen spielen, auch wenn es im Moment noch nicht ganz rund läuft, tut das dem Spielspaß keinen Abbruch. Kingdom Come: Deliverance dürfte wohl einer der herausragendsten Titel des noch jungen Jahres sein und am Ende des Jahres in der ein oder andere Game of the Year-Diskussion auftauchen.

(getestet von Frank Johann)