Im Test: Divinity: Original Sin – Enhanced Edition (PC / One / PS4)

Dieses Jahr überschlägt sich förmlich an hochkarätigen Rollenspielen. Wer nach den Abenteuern mit dem Hexer und der Erkundung des Ödlands immer noch ein paar hundert Stunden für das Genre übrig hat, wird sich über die aktuell erschienene Enhanced Edition des Spiels Divinity: Original Sin freuen können. Mit der überarbeiteten Fassung kommen nun auch PS4- und Xbox-One-Spieler in den Genuss des ambitionierten Crowdfunding-Projekts von den Larian Studios. Unsere Erfahrungen findet ihr im Test.

Das Abenteuer startet mit unseren beiden aufwendig im Charaktereditor kreierten Source Huntern, die sich der Jagd nach verbotener Magie, der Source, verschrieben haben und nun einen verdächtigen Mordfall in der Küstenstadt Cyseal untersuchen sollen. Hinter diesem Fall steckt selbstverständlich mehr als anfänglich vermutet und führt uns durch alle Klimazonen der Fantasy-Welt Rivellon bis hin zum überdimensionalen ‚Ende der Zeit‘, das wir uns bereits innerhalb der ersten Spielstunde als neue Heimatbasis eingerichtet haben und im weiteren Spielverlauf weiter ausbauen.

Die Geschichte bietet interessante Ansätze und viele ausgearbeitete Hintergründe, die den leidenschaftlichen Rollenspieler begeistern könnten. Mich persönlich ließ der Plot dennoch kalt. Das liegt zum Großteil an der Inszenierung. In der Enhanced Edition wurden zwar alle Dialoge (auf Englisch) vertont, die Animationen hierbei bleiben aber minimalistisch und es kommt zu keinen natürlich wirkenden, packenden Gesprächen. Es werden lange, sich abwechselnde Monologe relativ lustlos vorgelesen.

Das ist gerade deswegen schade, weil viele Quests, sowohl innerhalb der Hauptgeschichte als auch die Nebenhandlungen, inhaltliche Stärken besitzen, die so kaum zur Geltung kommen. Die jüngere, inszenatorisch verwöhnte Generation könnte mit der zähen Storydarstellung so hin und wieder in Gähnarien ausbrechen, während gerade alte Rollenspielhasen sicherlich Spaß an den abwechslungsreichen, mal tiefen, mal humorvollen, Handlungssträngen haben werden.

Die Geschichte mag also die Spieler spalten, bei den Kämpfen gibt es aber keine zwei Meinungen. Das Kampfsystem ist ausgezeichnet.

Die Spieltiefe lässt sich im Charaktereditor bereits erahnen. Die optischen Anpassungen sind leider stark limitiert, aber es kommt bekanntlich auf die inneren Werte an und hier haben wir bereits zum Start genug Punkte für Attribute, Talente, Skills und Perks um zwei Charaktere nach unseren Vorlieben zu gestalten. Um den alten Genrevorbildern gerecht zu werden, landen wir letztendlich mit zwei zusätzlichen, wählbaren Begleitern, die wir im Laufe der Geschichte kennenlernen, bei einer Party aus vier Mitgliedern, die wir den bösen Mächten entgegensetzen.

Das Kampfsystem ist dabei rein rundenbasiert. Jeder Charakter hat eine Anzahl an Aktionspunkten und bewegt und kämpft sich mit deren Verbrauch über das Schlachtfeld. Dabei nehmen die Figuren klassische strategische Rollen ein. Der defensive Krieger lenkt die Aufmerksamkeit auf sich und wird vom Heiler am Leben gehalten, während Magier und Schurken sich um den Schaden auf die Feinde kümmern. Diese Taktik hat sich bewährt, auch wenn genug Platz für Experimente und eigene Ideen vorhanden ist.

Was Divinity von anderen Rollenspielen abhebt, ist die Interaktion mit der Umwelt. Wer Wetter- und Umgebungseffekte missachtet, wird selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad schnell das Handtuch werfen müssen. Die Orks scheinen übermächtig? Schmeißt ihnen ein Ölfass vor die Füße, zerberstet es mit einem gut platzierten Pfeil und entzündet mit einem Feuerzauber das Schlachtfeld. Wenn das nicht ausreicht, wird das Feuer mit einem beschworenen Regen gelöscht und der dabei entstandene Dampf mit einem Blitz in eine elektrostatische Wolke verwandelt, der eure Feinde bewegungsunfähig macht und so einen Schutzwall vor unseren Fernkämpfern bildet. Da die Gegner nicht dumm sind und ebenfalls exzessiv die Umgebungseffekte zu ihrem Vorteil nutzen wollen, kommt es zu höchst spannenden, strategischen Gefechten.

Das anspruchsvolle Kampfsystem motiviert zum umfassenden Charaktermanagement. Wir definieren unser Team nicht nur durch die Skillung, sondern auch durch das Equipment. Und Dinivity bietet an jeder Ecke zufallsgenerierten Loot mit verschiedenen Wertigkeiten und allerlei Boni, so dass sich schnell der Diablo-Effekt einstellt. Jede Quest und jede Truhe könnte seltene oder gar legendäre Gegenstände bereithalten, und mit dem umfassenden, wenn auch anfangs etwas undurchsichtigem, Crafting-System wird dann weiter optimiert. Hier macht das Spiel alles richtig.

Damit sich das ausgefeilte Kampfsystem nicht abnutzt, sind die meisten Encounter individuell designt und bieten immer wieder neue Umstände und Herausforderungen. Aufgelockert wird das Ganze regelmäßig durch Rätsel, die sich ebenfalls die umfangreiche Wetter- und Elementarzauberphysik zu Nutze machen. Zusammen mit dem kompakten Hubweltendesign kommt so in diesem ausgedehnten Epos nie Langeweile auf, selbst wenn man mit der Story wenig anfangen kann.

Ungewöhnlich für ein klassisches Rollenspiel ist der 2-Spieler-Modus. Ihr könnt online oder lokal im Splitscreen zusammen mit einem Freund das gesamte Abenteuer bestreiten. Für Coop-Fans definitiv mal etwas Neues.

Besitzer der PC-Version erhalten das Update zur Enhanced Edition kostenlos und dank der überarbeiteten Story und neuer Quests und Items ist ein zweiter Durchlauf nur zu empfehlen. Spätestens mit den neuen Schwierigkeitsgraden für die frustfreie Erkundung und dem Hardcore-Modus, bei dem nach dem Ableben der Party der Spielstand vollständig gelöscht wird, findet jeder Fan weitere Anreize für die überarbeitete Version.

Graphisch reißt das Spiel keine Bäume aus. Auch in der erweiterten Fassung ist die Umgebung liebevoll designt, aber technisch weit hinter den AAA-Produktionen der Konkurrenz. Immerhin läuft alles sauber und trotz der Spielgröße gibt es keine nennenswerten Bugs, die den Spielspaß beeinträchtigen. Auch die Konsolenumsetzung bekam die nötige Fürsorge und ist mit Controller gut spielbar. Wegen des hohen Anteils an Micromanagement, dem Herumschieben im Inventar und dem gezielten Bewegen von Gegenständen in der Umgebung, rate ich Spielern mit der Qual der Wahl zur PC-Version, die sich komfortabler bedienen lässt. Trotzdem erlaubten sich die Entwickler auch an der Konsole keine Patzer und sowohl One- als auch PS4-Version sind ohne Einschränkungen zu empfehlen.

Fazit:
Rollenspieler dürfen sich wieder freuen. Dieses Jahr werden wir reich mit modernen RPGs wie auch Vertretern der alten Schule beschenkt. Zu letzteren Rollenspielen gesellt sich Divinity: Original Sin. Die angestaubte Technik und Inszenierung sind hinsichtlich der überragenden spielerischen Stärken nur kleine Wermutstropfen. Für Fans von rundenbasierten Kampfsystemen ist das Spiel ein absolutes Muss und begeistert über die volle Spiellänge von gut und gerne über hundert Stunden. Klare Empfehlung für Divinity: Original Sin – Enhanced Edition!

(getestet von eape)