Im Test: Close to the Sun (PC)

Mit dem Horror-Adventure Close to the Sun veröffentlichen die italienischen Entwickler von Storm in a Teacup bereits ihren vierten Titel und kehren damit gleichzeitig zu ihren Horror-Wurzeln zurück. Statt einem dunklen Keller, geht es aber nun an Bord des gigantischen Hochseekreuzfahrtschiffs Helios, welches auf den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten zu einer gewissen Stadt unter dem Meer aufweist. Bevor wir diesen zufälligen Vergleich vertiefen, erzählen wir euch freundlicherweise im Test, ob sich die Reise auf der Helios lohnt oder ihr doch lieber eine Taucherglocke mieten solltet.

Die Helios als reines Forschungsschiff zu betiteln, würde ihr nicht gerecht werden. Das von Nikola Tesla persönlich erbaute Schiff, ist regelrecht eine schwimmende Stadt, die sich nicht nur Selbst versorgen kann, sondern auch noch die klügsten Köpfe der Welt beherbergt. Weit entfernt von ihrer Heimat und auf internationalen Gewässern, ist das Beachten von Gesetzen oder gar moralischen Vorstellungen kein Grund mehr, seine eigenen Forschungen zu limitieren. Alles natürlich nur im Sinne der Menschheit. Schnell wird Tesla zur Zielscheibe der Industrienationen, die sich von seinem technischen Vorsprung mehr als bedroht fühlen. Spionage der Konkurrenz, Entführungen und weitere Skandale befeuern nur die Legenden rund um Tesla, der die Helios immer weiter vor fremden Einflüssen abschirmt. Die Journalistin Rose Archer ist kein Teil dieses elitären Klubs, doch trifft dies auf ihre jüngere Schwester Ada zu, die nun Rose für einen Besuch auf das Schiff einlädt. Ein langersehntes Wiedersehen mit ihrer Schwester und dazu die Chance auf eine brisante Story, lassen Rose nicht lange fackeln und schon sitzt sie mit gepackten Koffern in einer der automatisierten Passagierschiffe. Doch statt dem nächsten Pulitzer-Preis und einer warmen Umarmung, findet sich die Journalistin alleine in der Dock-Station der Helios wieder, die mehr einem Geisterschiff, als einer Arche des Fortschritts gleicht.

Close to the Sun versteht sich als atmosphärisches Horror-Adventure, in dem wir in der First-Person-Perspektive die verschiedenen Decks der Helios erkunden, um hinter das plötzliche Verschwinden der Passagiere zu kommen. Da wir in die Rolle der Journalistin Rose schlüpfen, sind wir dabei auf unsere investigativen Fähigkeiten angewiesen, statt uns auf Superkräfte und Schusswaffen verlassen zu können. Das heißt, wir bewegen uns durch die Räumlichkeiten des Kreuzfahrtschiffes, sammeln allerlei Dokumente auf und lösen regelmäßig Schalter- und Logikrätsel. Die Rätsel sind dabei relativ harmlos und fordern nicht viel Grips von uns ab, weswegen wir hauptsächlich damit beschäftigt sind, von Punkt A nach B zu kommen. Damit dies zu keiner One-Woman-Show wird, hält Rose ständigen Funkkontakt mit ihrer Schwester Ada, die uns durch die verschiedenen Abteilungen des Schiffes leitet und den Techniker Aubrey King, der uns meistens bei verschlossenen Türen und sonstigen technischen Problemen hilft. Gerade die Gespräche zwischen der selbstbewussten Rose und dem schrulligen Aubrey (der im Original vom großartigen Wolf Kahler vertont wird) sind hier klar die Highlights des Storytelling und lockern die eher trockenen Parts des Spiels deutlich auf. Ebenso mit von der Partie ist Nikola Tesla persönlich, der uns immer wieder am Vorankommen hindern will und in seiner paranoiden Art an Andrew Ryan aus Bioshock erinnert.

Da es sich hier auch um einen Vertreter des Horror-Adventure-Genres handelt, stehen Angst und Schrecken genau so im Fokus, wie das Erkunden der Umgebung. Die Entwickler setzen dabei von Anfang an auf Jump-Scares, die in den ersten Kapiteln aber noch recht subtil erscheinen. So werden wir in der Ferne immer wieder von einer unbekannten Person beobachtet, die genauso schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Auch wird hier noch öfters mit der Soundkulisse gespielt, die unsere eigene Vorstellungskraft strapazieren soll. Wie in fast jedem Horrorspiel steht natürlich irgendwann eine Eskalation an. Doch statt weiterhin auf clevere Momente zu setzen, verkommt der Titel schnell zu einer Aneinanderreihung aus plumpen Schockmomenten, die uns immer wieder regelmäßig vor die Nase gesetzt werden und dabei weder kreativ noch besonders gruslig wirken. Neben diesem jahrmarkt-ähnlichen Gruselkabinett, versetzt uns das Spiel aber auch noch der direkten Gefahr aus. Hier greifen wir nicht zu den Waffen und schlagen endlich zurück, sondern nehmen die Beine in die Hand und fliehen vor unseren Peinigern. Diese Situationen sind stark geskriptet und meistens wieder so schnell vorbei, wie sie begonnen haben. Ziel ist es dabei, so schnell wie möglich von einem Punkt zum nächsten zu sprinten, ohne das unser Verfolger uns einholt. Dies wird uns durch Hindernisse erschwert, die wir per Tastendruck überwinden müssen, was jedoch nicht immer so gut funktioniert und deswegen öfters zu unverdienten Toden führt. Das Gefühl einer wirklichen Verfolgung baut sich nicht wirklich auf, da die mechanische Natur dieser Szenen schnell offensichtlich werden, als das eine wirklich atmosphärische Anspannung entstehen könnte. Somit wären wir schon bei einem der größten Probleme von Close to the Sun, nämlich dem Gameplay. So führen die Entwickler noch vor der ersten Fluchtsequenz eine Schleichpassage ein, die uns automatisch in die Hocke zwingt. Selbstständig schleichen ist vom Spiel selbst nicht vorgesehen. Wer hier jetzt schon Frust in Form von unterdurchschnittlichen Schleichpassagen wittert, kann sich direkt wieder beruhigen. Diese Szene ist nämlich – ohne großartig zu viel zu verraten – einzigartig im kompletten Durchgang und dauert gerade mal ca. zwanzig bis dreißig Sekunden. Wieso man sich dazu entschieden hat, diese Mechanik überhaupt einzubauen, wissen wohl nur die Entwickler selbst. Allgemein lässt sich dies über das gesamte Gameplay-Gerüst hinter Close to the Sun sagen, denn ähnlich überflüssig ist auch Rose’s Fähigkeit jeder Zeit springen zu können. Nicht nur springt sie gerade mal gefühlte fünf Zentimeter in die Luft, sondern haben wir in keiner Situationen einen spielerischen Nutzen davon. Weder können wir Erhöhungen herunterspringen, noch Hindernisse hinter uns lassen, da diese, wie bereits oben angesprochen, nur mit dem Betätigen des Aktionsbutton überwunden werden. Wieso man dem Spieler überhaupt diese Option gibt, ihm aber gleichzeitig die Möglichkeiten zum Ducken nimmt, ist eine Frage, auf die wohl selbst die hellsten Köpfe der Helios keine Antwort parat hätten.

Eine sinnvolle Umsetzung sehen wir dafür wortwörtlich im Look des Spiels. Das Artdesign hinter Close to the Sun weist zwar durch seinen Art déco-Stil gemeinsame Parallelen zu den ersten Bioshock-Ablegern auf, doch nach knapp zehn Jahren Abstinenz von Rapture, wirkt der Titel trotzdem heutzutage immer noch recht einzigartig dadurch. Gerade das Leveldesign bietet einige großartige Kulissen, die durch die Stärken der Unreal Engine 4 hervorragend in Szene gesetzt werden. So gut, dass man auch dann die Schwächen im Sounddesign verschmerzen kann, da hier in der Richtung – abgesehen vom sehr guten Voice-Acting – nicht wirklich heraussticht. Erwähnenswert wäre vielleicht noch das Main-Theme, für das der kanadische Folktronica Künstler Porcelain Pill verantwortlich war und damit die einzige Nummer im kompletten Soundtrack abgeliefert hat, die man überhaupt wirklich bewusst wahrnimmt. Eine verpasste Chance, die dem Titel wenigstens audiovisuell ein stattliches Gesamtpaket beschert hätte.

Fazit:
Close to the Sun hatte das Potenzial etwas Besonderes werden zu können. Doch ähnlich wie in der griechischen Tragödie um Ikarus, der zu nah an die Sonne flog, sind hier die Entwickler an ihren eigenen Zielen gescheitert. Die Story wirkt interessant, jedoch auch leider vorhersehbar. Die meisten Gameplay-Mechaniken sind halbherzig umgesetzt oder gar komplett überflüssig. Und dann wäre da noch der Horror, der Anfangs noch Hoffnung auf einen psychologischen Horror-Trip macht, aber zu schnell durch Unkreativität und ständige Wiederholungen glänzt. Dabei besitzt der Titel aber auch seine Höhepunkte, wie das großartige Voice-Acting, die wunderschönen Level, ein paar sehr gute Szenen und durch eine Gesamtlänge von ca. drei bis vier Stunden, besitzt es auch keine wirklichen Überlangen. Somit ist Close to the Sun nur etwas für absolute Genre-Puristen, die aktuell dringend auf der Suche nach etwas Neuem sind und dabei vielleicht sich noch für den Art déco-Stil und den Thematiken hinter Bioshock begeistern können. Alle anderen greifen zu den besseren Alternativen.

Close to the Sun ist seit dem 2. Mai für PC im Epic Games Store erhältlich. Konsolen-Ports für Playstation 4 und Xbox One sind noch für dieses Jahr geplant.

(getestet von Dr. Para)