Im Test: Transference (PC, PS4, One)

Zweifelsfrei gehört Ubisoft mit Titeln wie Star Trek: Bridge Crew und Eagle Flight zu den größten Supportern der VR-Plattformen. Bei ihrem neusten Projekt Transference erhielten sie Unterstützung der Filmproduktionsfirma SpectreVision, die für ihre Thriller- und Horrorfilme bekannt ist. Ob die gemeinsame Expertise dieses surreale Adventure zum Must-Have erhebt, lest ihr in unserem Test.

Der populäre und kontroverse Tiefenpsychologe und Denker Sigmund Freud beschreibt mit dem Begriff der Übertragung, englisch Transference, die unbewusste Übernahme oftmals verdrängter Gefühle aus der Kindheit in neue zwischenmenschliche Beziehungen. Es ist der Kern der Psychoanalyse und gleichzeitig der Kern des Spiels Transference, den es herauszuarbeiten gilt.

Wir betreten ein einsames Haus, die Wohnung einer dreiköpfigen Familie und die Heimat eines surrealen Konstrukts aus überlagerten Zeitlinien und Emotionen, manifestierten Ängsten und Befürchtungen, vergangener Trauer und gegenwärtigem Wahnsinn. Diese unwirkliche Welt vereint mehrere Dimensionen und jede dieser Dimensionen ist auf ihre Weise zermürbt und beschädigt, und wir sind ein Reisender in einer virtuellen Realität dieser digitalisierten Bruchstücke einer zerrütteten Familie.

Transference erinnert hier an Hideo Kojimas P.T. bzw. fundamentaler an das Referenzwerk Silent Hill. Der psychologische Horror einer Familie wird zur physischen Realität für den Protagonisten und somit zur audiovisuellen Realität des Spielers. Transference geht allerdings noch den nächsten Schritt und saugt uns dank VR-Technik regelrecht in die Welt, umhüllt das Szenario aber auch zusätzlich bewusst mit dem inhaltlichen Aspekt der Digitalisierung und durchbricht so auf dem immersiven Niveau von Superhot VR die berüchtigte dritte Wand.

Das eigentliche Gameplay im irrealen Raum menschlichen Abgrunds gestaltet sich explorativ und rätselhaft. Letztendlich läuft es anspruchslos mit flüssigem Fortschritt darauf hinaus, am rechten Fleck das offensichtliche Objekt einzusetzen. Kleinere klassische Puzzles minimalen Umfangs gaukeln uns hier hin und wieder ein Spiel vor, obgleich es sich hier mehr um das neumodische Medium der interaktiven Erfahrung handelt.

Das wird umso deutlicher, wenn man hinter die Kulissen blickt. Am Werk war hier Hollywood-Schauspieler Elijah Wood mitsamt seiner Produktionsfirma SpectreVision, die ihre Kompetenz im Gebiet des filmischen Horrors auf Transference übertragen konnten. Es wundert dann wenig, dass man für dieses Projekt Macon Blair gewinnen konnte, der sich in den Independent-Filmen Green Room und Blue Ruin zu Jeremy Saulniers festen Cast mausern konnte.

Die Qualität, die man also im spielerischen Teil vermissen könnte, findet sich in der Regie und Inszenierung wieder. Transference ist aufgrund seiner wirren, schwer greifbaren Natur nicht leicht zu bewerten. Nimmt man sich aber die Zeit, die verstreuten Hinweise in Verbindung zu bringen und lauscht aufmerksam den Video- und Audiobotschaften, eröffnet sich einem eine spannend und sorgfältig geschriebene und umgesetzte Horrorvision.

Dabei punktet die albtraumhafte Erfahrung auch mit einer stimmigen graphischen Präsentation und mächtiger Soundkulisse. Es braucht keine Jumpscares, um das Adrenalin konstant gegen den Wunsch schießen zu lassen, die VR-Brille abzusetzen. Schrecksame Spieler werden das vermutlich auch tun und Transference im zahmen Non-VR-Modus beenden. Leider reißt man mit der Brille so auch wesentliche Teile des Konzepts herunter.

Fazit:
Transference kann bereits oberflächlich überzeugen. Die Mischung aus manifestiertem Wahnsinn und zerbröckelter Digitalisierung strotzt audiovisuell vor kreativen Ideen mit künstlerischer Anziehung sowie Furcht erregenden Motiven. Tiefer in diesem emotionalen Abenteuer einer gebrochenen Familie lauert aber zusätzlich ein interdisziplinäres Projekt des Horrorkinos, der Tiefenpsychologie und der VR-Spieleentwicklung, das weniger spielerisch und dafür mehr als konzeptionell mutige interaktive Erfahrung begeistert. Transference beweist, dass in dieser modernen Technologie viel mehr möglich ist, als ein simples Abtauchen in ein Videospiel. Die virtuelle Realität muss von der schaffenden Seite als neues Medium anerkannt werden und wir als Spieler haben hier die Chance, uns in ein völlig neuartiges Erlebnis fallenzulassen. Transference verdient dieses neue Bewusstsein und gehört für VR-Besitzer zum Pflichtprogramm.

(getestet von eape)