Im Test: Onrush (PS4 / XBOX One)

Die Evolution Studios hatten es nicht leicht. Nach dem Fehlstart von Driveclub, schloss Sony trotz bemühtem Support letztendlich das britische Entwicklerstudio. Die Rennspielveteranen von Codemasters sahen glücklicherweise das Potenzial und übernahmen den Großteil der Mitarbeiter. Unter neuer Führung kehren sie zurück zu ihren Motorstorm-Wurzeln und präsentieren mit Onrush ein action-orientiertes Rennspiel mit ausgeprägtem Multiplayer. Ob sie damit die Kurve kriegen könnten, lest ihr in unserem Test.

Die Videospielbranche ist im Goldfieber. Die klassische Einzelspielererfahrung muss mittlerweile allzu oft dem nächsten potentiellen Multiplayerhit weichen. Publisher wollen ihren Platz zwischen Overwatch und Fortnite, Call of Duty und Rocket League. Onrush versteckt seine Ambitionen kaum. Die gesamte Aufmachung erinnert an die erfolgreichsten Online-Spiele unserer Zeit. Das Design ist modern, Dubstep dröhnt durch die Boxen, an jeder Ecke locken Freischaltungen und Individualisierungsoptionen für die comichaft überzeichneten Charaktere. Aber bevor wir uns den oberflächlichen Säulen der Motivation widmen, schauen wir was das Spiel unter der Haube hat.

Der Multiplayer mag im Fokus stehen, das Spiel bietet aber eine Singleplayer-Kampagne mit mehreren thematisch sortierten Touren und den dazugehörigen Events. Auf diese Weise führt uns das Spiel langsam in die neuartigen Mechaniken ein und lässt sich genug Zeit jeden Wagen mit seinen Spezialfähigkeiten ausreichend vorzustellen.

Onrush ist nämlich kein gewöhnlicher Racer. Technisch gesehen ist es noch nicht einmal ein Rennspiel, denn es gibt keine Rennen, kein physisches Ziel. Wir fahren zu jeder Zeit als eine große Gruppe bestehend aus zwei Team, eine chaotische Stampede, die durch naturbelassene Wälder und Industriebezirke wütet und sich dabei bekriegt. Im Tron-Style hinterlässt das Motorrad Blade zerstörerische Wände hinter sich, der Buggy Vortex kracht mit Wucht auf seine Feinde und das Panzerfahrzeug Titan schützt seine Verbündeten mit einem Schild vor gegnerischen Angriffen. Onrush bedient sich bei Hero-basierten Spielen wie Overwatch und bietet acht unterschiedliche Fahrzeuge mit spezifischen offensiven und defensiven Eigenschaften.

Da es keine klassischen Rennen gibt, erinnern die Siegbedingungen auch an die Modi anderer Multiplayer-Genres. Der präsenteste der vier Modi nennt sich Overdrive. Hier gewinnen wir eine Runde, indem wir vor dem gegnerischen Team 10’000 Punkte sammeln. Dafür nutzen wir die übergreifenden Spielmechaniken. Mit Sprüngen, Tricks, dem Zerstören von passiven Fahrzeugen und natürlich unseren Feinden erhalten wir Energie zum Boosten und Einsetzen unserer ultimativen Spezialfähigkeit, dem namensgebenden Rush, und kassieren so Punkte für den Sieg.

Die anderen Modi spielen sich ähnlich, haben aber eingeschränktere Ziele. Bei Switch haben wir drei Leben und sind gezwungen nach jedem Crash das Fahrzeug zu wechseln. In Countdown läuft für beide Teams ein separater Countdown und wir erhalten wertvolle Sekunden für das Durchfahren von Lichttoren. Lockdown ist ein Eroberungsmodus, bei dem ein sich bewegendes Areal mit einer Überzahl an Spielern des eigenen Teams besetzt werden muss.

Die Spielmechaniken funktionieren und das Fahrgefühl dabei ist trotz rasanter Geschwindigkeit und lebendigen, überfüllten Strecken präzise und dank kleiner Hilfestellungen unerwartet frustfrei und spaßig. Hier macht sich die Erfahrung mit der Motorstorm-Serie bezahlt. Onrush überträgt die Vision des Studios mit großen offenen Strecken und ständiger Action in die aktuelle Konsolengeneration.

Die Idee des Teamplays setzt sich im Singleplayer schwierig um. Gezielte Manöver sind ohne Absprache schwer machbar. Man fährt also mehr oder weniger für sich allein und vertraut auf die Fähigkeiten der KI-Kollegen zum Sieg beizutragen. Das kann teilweise frustrierend sein, wenn man beispielweise als einziger Fahrer versucht in Lockdown das Areal zu erobern. Im Gesamten ist der Schwierigkeitsgrad jedoch recht niedrig angesetzt und selbst wenn man die zielfernen, zusätzlichen, kleinen Herausforderungen mitnimmt, kommt man gut durch die Kampagne. Allerdings auch ohne eine wirkliche Befriedigung. Das Ganze spielt sich gerne wie ein großer Zufall und es mangelt an Kontrolle am Spielgeschehen. Es fehlt der Reiz zur Verbesserung, den gerade Rennspiele, aber auch andere teambasierte Games, sonst aus dem Spieler herauskitzeln.

Leider ist es in Multiplayer-Sessions nicht viel besser. Hier kann man immerhin theoretisch mit seinem Team effektive Manöver planen, zum Beispiel das gegnerische Team verlangsamen um es dann mit Rush-Angriffen abzuräumen, aber in öffentlichen Lobbys herrscht für gewöhnlich Chaos und Abschüsse aus dem Nichts sind bei der unübersichtlichen Geschwindigkeit vorprogrammiert. Hier kommt leider wenig Fahrspaß auf und es muss sich zeigen, ob die Community gemeinsam wächst und das Potenzial des Spiels entfachen kann und die Entwickler die passenden Weichen für eine bessere Erfahrung stellen können. Wünschenswert wäre es, denn bald soll auch ein kompetitiver Ranked-Modus starten, der das Spielsystem dann auf die Feuerprobe stellen wird.

Zumindest bei der Individualisierung ist für Langzeitmotivation gesorgt. Wir erhalten Avatare und Banner unter unterschiedlichen Bedingungen und belohnen uns regelmäßig mit Lootboxen, gefüllt mit Personalisierungsobjekten für Spielcharaktere und Fahrzeuge. Wer kein Glück mit den virtuellen Wundertüten hat, darf sich auch gezielt Objekte mit der Spielwährung kaufen. Für Echtgeld gibt es (zumindest noch) keine Inhalte.

Technisch ist das Spiel trotz seiner Effektwut und actionreichem Gameplay sehr sauber. Die Crashes sind fulminant, die Aussichten atemberaubend und wollen im Fotomodus verwahrt werden. Die Performance und Ladezeiten sind vorbildlich und das Onlineerlebnis makellos. Hier macht sich ein ausgezeichnetes Polishing bemerkbar. Der Soundtrack bietet elektronische und rockige Musik ohne große Highlights oder Ausfälle.

Fazit:
Onrush schafft ein völlig neuartiges, innovatives Genre als teambasierter Hero-Racer und wappnet sich im hart umkämpften Multiplayermarkt mit süchtig-machender Personalisierung und vielen Freischaltungen, mit kompetitiven Systemen und hohen Produktionswerten. Das Kerngameplay tankt mit seinen aufregenden, rasanten Fahrzeuggefechten reines Adrenalin, kann die vielversprechenden Mechaniken aber nicht vollständig in ein herausforderndes, kontrolliertes Teamspiel umsetzen. Racer mit Faible für frische Konzepte sollten diesen mutigen Arcade-Racer dennoch wohlwollend unterstützen.

(getestet von eape)

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