Im Test: Ion Fury (PC)

Nach achtzehn Monaten in der Early Access-Phase und einer Abmahnung der britischen Heavy Metal Band Iron Maiden, feiert der Old-School-First-Person-Shooter Ion Fury nun endlich die Veröffentlichung der fertigen Vollversion. Doch befindet sich der Titel von Entwickler Voidpoint und Publisher 3D Realms in einer recht ungewöhnlichen Situation. Nicht nur ist es ein Prequel zum 2016 erschienen Twin-Stick Shooter Bombshell, sondern gleichzeitig auch der spirituelle Nachfolger zu Duke Nukem! Wir haben das komplette Spiel vor Release schon durchgespielt und verraten euch im Test, ob sich die Zeitreise ins Land der 90er-Retro-Shooter lohnt oder ihr doch lieber in der Gegenwart bleiben solltet.

Der Polizeidienst in Neo D.C. ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Schwerbewaffnete Straßengangs und gut organisierte Syndikate haben aus den Straßen ihren eigenen Spielplatz gemacht, in denen ein Menschenleben kein Wert mehr hat. Corporal Shelly „Bombshell“ Harrison trägt zwar erst seit wenigen Monaten die Uniform der GDF, doch ihr Ruf als erbarmungsloser und effektiver Super-Cop eilt ihr schon in jeder Ecke der Stadt voraus. Als die junge Polizistin ihren Feierabend jedoch mal wieder in ihrem Lieblingsclub ausklingen lassen will, macht sie die Rechnung dabei ohne den wahnsinnigen Dr. Heskel. Der hat nämlich ausgerechnet heute seine Armeen aus Techno-Terroristen und Killermaschinen auf den Weg geschickt, um die örtlichen Polizeistationen und Militärbasen gleichzeitig anzugreifen und somit die komplette Stadt mit so wenig Widerstand wie möglich einzunehmen. Eigentlich ein guter Plan, wenn da nicht Shelly wäre. Angepisst durch die ungewollte Extraschicht und den versauten Abend, macht sich unsere Heldin auf den Weg, um Dr. Heskel das Handwerk zu legen.

Ion Fury ist ein Old-School-First-Person-Shooter wie er im Buche steht. Die Action ist direkt und die Story eher unwichtig. Unsere Gesundheit regeneriert sich nicht von alleine, sondern nur beim Aufsammeln von Medikits. Nicht Kimme und Korn, sondern das Crosshair in der Mitte des Bildschirms sind unser bester Freund beim Zielen. Blaue Türen öffnen wir mit blauen Keycards und rote Türen mit roten Keycards. Wir können weder Sprinten, noch über den Boden sliden und uns hinter Deckungen verstecken ist auch nicht. Wer einmal in seinem Leben die ersten beiden Doom-Ableger, Half-Life und vor allem Duke Nukem 3D gespielt hat, weiß was einen hier erwartet. Gerade der Vergleich mit Letzterem ist am eindeutigsten, denn wie bereits oben erwähnt, handelt es sich bei Ion Fury um eine Art spirituellen Nachfolger zum muskelgepackten Frauenheld, mit dem Hang zu Sexismus. 3D Realms hatte die Idee mit Bombshell als weiblichen Charakter nämlich schon zu alten Duke Nukem Forever-Zeiten. Hier sollte Shelly den Spieler im Coop Modus begleiten und sah noch nach dem typischen blonden Playboy Bunny aus. Diese Zeiten haben sich aber zum Glück geändert und 3D Realms verpassten ihr nicht nur ein anständiges Design, sondern veröffentlichten im Jahre 2016 mit dem Twin-Stick-Shooter Bombshell ihr erstes Debüt in der Welt der Videospiele. Dieser Ausflug wurde jedoch recht verhalten aufgenommen, weswegen man danach zusammen mit dem kleinen Indie-Studio Voidpoint, welches aus etlichen Duke Nukem 3D-Moddern besteht, die Idee eines klassischen FPS ausarbeitete, um ihr endlich einen würdigen Auftritt zu geben. Eine Idee, die mit der Veröffentlichung der Vollversion komplett aufgegangen ist.

Abgesehen von den Ursprüngen unserer Protagonistin, gibt es aber noch einen wichtigen Grund, wieso sich der Titel wie ein würdiger Duke Nukem-Nachfolger anfühlt: die Engine. Hier entschied man sich für die originale Build Engine, die in den 90ern schon First-Person-Shooter, wie z.B. Blood, Shadow Warrior, TekWar und natürlich auch Duke Nukem 3D befeuerte. Die aktuelle Version der Engine, die hinter Ion Fury steckt, ist dabei ordentlich optimiert und bietet etliche Effekte, Shader und sonstige technische Spielereien, von denen man damals nur geträumt hat. Trotzdem ist der originelle Look des Spiels absolut einzigartig in Zeiten von 4k, Photogrammetry und Ray-Tracing und sorgt für ein authentisches Retro-Feeling. Doch nicht alles ist perfekt und somit haben auch ein paar Krankheiten aus der Vergangenheit ihren Weg in die Gegenwart geschafft, wobei dies für einige vielleicht auch einfach zum typischen Build-Engine-Erlebnis dazugehören. So ist unausweichlicher Schaden durch Hitscan Waffen und Bullet-Sponge Gegner keine Seltenheit, was gerade in den höheren Schwierigkeitsgraden für Zähneknirschen sorgen kann. Apropos Feuergefechte: im Verlauf der etwa zehnstündigen Kampagne, wird ein recht ordentliches Arsenal an etlichen Waffen eingesammelt, die dabei die Klassiker des Genres abdecken und alle über einen sekundären Feuermodus verfügen. Shelly’s Loverboy ist z.B. ein dreiläufiger (!) Revolver, die Maschinenpistolen namens Penetrator verschießen Brandmunition und schon einmal einen Granatwerfer gesehen, der 40 mm Schrotpatronen abfeuert? Alle Waffen im Spiel fühlen sich dabei effektiv an und haben ihre Berechtigung. Einzig die Vertreter mit einer hohen Feuerrate, wie eben die Penetrator oder der Chaingun verbrauchen ihren Vorrat an Munition etwas zu schnell, weswegen wir diese Schießeisen eher nur in brenzligen Situationen nutzen sollten.

Ein Highlight von Ion Fury ist dabei das Level-Design, welches zwar klassische Schlauch-Level bietet, aber durch das Freischalten von neuen Wegen am Ende ein recht komplexen Aufbau vorzuweisen hat. Unzählige Abkürzungen und Geheimpassagen warten darauf, von uns entdeckt zu werden. Selbst als jemand, der sich Zeit beim Erkunden gelassen hat, um jeden Lüftungsschacht und Schalter zu überprüfen, konnte ich am Ende gerade mal ein Drittel aller versteckten Geheimnisse aufdecken. Wer also hier auf Schatzsuche geht, wird einiges an Zeit investieren müssen. Aber keine Angst, der Titel bietet nun deswegen nicht Open-World-artige Level und wenn man mal wirklich den Überblick verliert, lässt sich per Tastendruck eine transparente Karte über den Bildschirm legen, die gerade in den teils eher abwechslungsarmen Level ein wahrer Segen ist. Denn Ion Fury steht gerade nicht für Abwechslung, auch wenn es hier und da einige Überraschungen gibt. Trotzdem befinden wir uns meistens in eher grauen Betongängen, die uns zu Kanalisationen, Laboren und zu den Straßen von Neo D.C. führen. Passt zum Setting und hier und da gibt es Lichtblicke, aber eine gewisse Übersättigung kann man nach dem Ende nur schwer abstreiten.

Da wir schon über die ungewöhnliche Technik hinter dem Titel gesprochen haben, kommen wir nun direkt zum Sound. Der Soundtrack wurde dabei von dem noch unbekannten finnischen Komponisiten Jarkko „Roz / Fit ^ Byterapers“ Rotstén geschrieben und eingespielt, der zuvor nur in der Demo-Szene aktiv war. Diese Wurzeln hört man auch in jedem Stück des Soundtracks heraus, denn während man beim Duke noch auf Metalriffs à la Megadeth setzte, ist die musikalische Untermalung hier mehr im Elektro-Segment einzuordnen. Erstmal etwas ungewöhnlich, da man einfach den großen Vorgänger als ständigen Vergleich im Kopf hat, aber es ergibt für den Titel mehr Sinn. Der Duke ist mehr ein Abziehbild, irgendwo zwischen They Live und Last Action Hero, während Ion Fury vom Design und der Atmosphäre vor allem an Robocop und Blade Runner erinnert. Hier stecken wir keinen halbnackten Stripperinnen die Geldscheine in den String, sondern stapfen mit den Polizeistiefeln über die Kadaver unserer Kollegen, die von Heskel und seinen Cyberpunks gnadenlos abgeschlachtet worden sind. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, die eben auch eine andere Untermalung verlangt.

Fazit:
In den letzten Monaten sind mit Titeln wie Dusk und Amid Evil einige großartige Vertreter des Retro-FPS-Genre erschienen, die den Zeitgeist und die Qualitäten der Ära perfekt eingefangen haben. Ion Fury ist hier keine Ausnahme, sondern positioniert sich recht selbstsicher direkt hinter diesen Meisterwerken. Action am laufenden Band, hervorragendes Pacing, fantastisches Level-Design und eben der authentische Einsatz der originalen Build-Engine. Alles in allem ein Fest für Retro-Fans, mit ein paar Schönheitsfehler, die aber ingesamt nicht wirklich auf die Gesamtqualitäten drücken. Lässt sich nur noch hoffen, dass Voidpoint und 3D Realms Bombshell nicht ins gleiche Schicksal führen, wie einst den Duke, damit wir vielleicht irgendwann mal einen würdigen Forever-Ableger bekommen. In dem Sinne: Hail to the Queen, baby!

Ion Fury erscheint am 15. August für PC via Steam und Good Old Games. Konsolen-Ports für Playstation 4, Switch und Xbox One sind für einen späteren Zeitpunkt geplant.

(getestet von Dr. Para)