Im Test: Draugen (PC)

Mit Adventures kennt sich das norwegische Entwicklerstudio Red Thread Games bestens aus, schließlich besteht das Team aus den Köpfen hinter The Longest Journey und der Dreamfall-Reihe. Mit ihrem neuesten Titel Draugen steht zwar wieder ein Adventure an, doch nun in der First-Person-Perspektive und mit dem Fokus aufs Erkunden statt Rätsel zu lösen. Wir sind die Reise nach Norwegen in ein kleines, isoliertes Küstendorf angetreten und erzählen euch im Test, ob sich der Trip auch für euch lohnen könnte.

Wir schreiben das Jahr 1923, der Winter steht vor der Tür und die Hauptsaison in Norwegen neigt sich dem Ende zu. Der Amerikaner Edward Charles Harden und seine Begleiterin Alice sind die lange Reise aus Massachusetts jedoch nicht angetreten, um im beschaulichen Dorf Graavik ihren Urlaub zu verbringen, sondern um Edwards verschwundene Schwester Elizabeth zu finden. Laut Augenzeugenberichten soll die junge Journalistin nämlich zuletzt hier gesehen worden sein und die Ortsansässige Anna Fretland hat sich dazu bereit erklärt, Alice und Edward bei ihrer Suche zu unterstützen. Angekommen in Graavik, merken die zwei jedoch schnell, dass etwas nicht stimmen kann. Keine Menschenseele weit und breit erwarten die Reisenden, die norwegische Flagge am Haus der Fretlands steht auf halbmast und auch im Haus fehlt jede Spur von der dreiköpfigen Familie. Für Edward ist die Situation klar: Irgendetwas ist mit den Menschen in Graavik passiert und es muss im Zusammenhang mit dem Verschwinden seiner jüngeren Schwester stehen.

Draugen ist eine Walking-Sim, wie es im Buche steht. Wir erkunden in der First-Person-Perspektive eine hübsche und ruhige Landschaftsidylle und halten dabei Ausschau nach Hinweisen und Spuren, mit denen wir nach und nach das Geheimnis hinter dem Mysterium lösen. Andere typische Elemente aus Adventures, wie das Lösen von Rätseln oder das Kombinieren von Gegenständen, sind nicht enthalten und einzig das Finden von Schlüsseln hindert uns an vereinzelnden Stellen am Weiterkommen. Eine Besonderheit hat aber Draugen, die man in dem Sub-Genre wohl schon als Alleinstellungsmerkmal bezeichnen könnte. Es geht dabei um unsere ständige Begleiterin Alice, die sich schnell als sehr gesprächige Person und als überraschendes Highlight des Spiels entpuppt. Nicht nur sind die Dialoge zwischen ihr und Edward hervorragend geschrieben und lockern die etwas trockenen Abschnitte auf, sondern ist sie gleichzeitig unser innerer Kompass, der uns immer wieder in die richtige Richtung schuppst, ohne dabei zu aufdringlich zu sein. Interessant ist vor allem auch, wie sie auf uns als Spieler reagiert. Brauchen wir mal etwas länger, weil wir uns noch umschauen, bekommen wir einen Spruch von Alice ab, führt sie ein ernsthaftes Gespräch mit uns, verlangt sie von uns Augenkontakt. Schauen wir weg oder entfernen wir uns vom Ort, unterbricht sie das Gespräch und reagiert entsprechend darauf. Dies sorgt für eine gewisse Glaubwürdigkeit innerhalb der Spielwelt und macht Alice zu mehr als nur einem NPC, der irgendwo in der Pampa steht. Haben wir uns mal verlaufen, können wir auch jeder Zeit nach ihr rufen, worauf sie uns kurz ihre Position signalisiert. Somit ist sie gleichzeitig auch unser Questmarker.

Die Kulisse von Draugen hätte mit dem norwegischen Provinznest nicht besser gewählt werden können, doch ist das begehbare Areal etwas zu übersichtlich geworden und bietet abseits von einer Handvoll Pfaden nichts zum Entdecken. Da ist es auch keine Überraschung, dass wir innerhalb der drei bis vier Stunden Spielzeit einiges an Backtracking ertragen müssen, wenn auch die Entwickler versucht haben, dies wenigstens mit verschiedenen Tageszeiten und Wetterlagen zu kaschieren. Mal bewegen wir uns durch dichten Nebel, genießen den wolkenlosen Himmel, rennen durch einen Sturm oder erblicken einen Sonnenuntergang. Das sorgt für ein wenig Abwechslung im kleinen Rahmen, aber auch nur wirklich im kleinen. Für den Soundtrack war Komponist Simon Poole verantwortlich, der hiermit ein sehr atmosphärisches Zusammenspiel aus Geigen, Kontrabass und einem norwegischen Chor geschaffen hat, die den jeweiligen Szenen das meiste ihrer Spannung geben.

Fazit:
Draugen ist ein gut erzählter Walking-Simulator, der gerade durch die Einbindung mit Alice etwas Besonderes in sich trägt. Abseits davon leidet der Titel aber an den gleichen Schwächen, an denen die meisten seiner Genre-Kollegen leiden. Das enge Gameplay-Korsett, welches uns immer wieder daran erinnert, dass wir keine großartigen Interaktionen mit der Spielwelt erwarten sollten, ein eher schwaches Pacing der Story, die nur kurz im letzten Drittel des Spiels aufdreht sowie der fehlende Mut zu Experimenten. Wer damit kein Problem hat, kommt in den drei bis vier Stunden sicherlich auf seine Kosten, dank des guten Writings, der hübschen Kulisse und eben Alice. Doch vom Thron ist Draugen noch ein paar gute Schritte entfernt.

Draugen ist seit dem 29. Mai für PC via Steam und Good Old Games erhältlich. Konsolen-Portierungen und ein VR-Update sind zu einem späteren Zeitpunkt geplant.

(getestet von Dr. Para)