Im Test: Disgaea 5: Alliance of Vengeance (PS4)

Der Kampf um die Herrschaft über die Unterwelt geht in die fünfte Runde. Mit Disgaea 5: Alliance of Vengeance bringt NIS America das beliebte Strategie-Rollenspiel auf die aktuelle Konsolengeneration. In unserem Test erfahrt ihr, ob sich der Kauf des Playstation 4-exklusiven Titels für Neulinge und Veteranen lohnt.

Die Faszination der Disgaea-Reihe wird nicht jeder nachvollziehen können. Verglichen mit den Genrekollegen Final Fantasy Tactics und Fire Emblem wirkt die Serie billig zusammengeschustert. In der Basis hüpfen die Helden befreit von jeglichen Animationen von einer Mission zur nächsten um altbekannte Gegner in altbekannten Arealen mit bildschirmfüllenden, pixeligen Explosionen zu vernichten. Und dann wird die ein oder andere Mission mit halb-geöffneten Augen bis zum Erbrechen wiederholt, um den Charakter auf Level God-Mode zu bringen. Wer braucht das? Und warum zähle ich mich persönlich zu den Fans der Disgaea-Spiele?

Wer bereits ein beliebiges Disgaea gespielt hat, wird sich sofort zurechtfinden. Und wer bereits mehrere Titel der Reihe durchgespielt hat, wird schnell merken, dass sich weder inhaltlich noch spielerisch viel getan hat. Für den Rest gibt es einen kurzen Überblick.

Der Imperator Void Dark marschiert mit seiner Armee in die Unterwelten ein. Anfangs spielt man das Duo aus dem unterkühlten, mysteriösen Dämon Killia, der auf Rache aus ist und die großbusige, Männer-dominierende Seraphine, Overlord of Gorgeous, die ebenfalls Rache sucht. Unterwegs treffen sie auf schräge Freunde und Feinde, die auch alle Rache wollen, und besuchen Hölle, Erde, Himmel, um Rache auszuüben. Der Titel ist Programm. Und zusätzlich geht es natürlich noch ein bisschen um verbotene Liebe, Korruption, Verrat und viele andere Dinge, die sich in den letzten Spielzügen offenbaren. Alles sehr humorvoll aufbereitet. Alles sehr japanisch.

Das Gameplay gestaltet sich unaufgeregt konservativ. Ihr stellt euch ein Team aus Story-Charakteren und generischen Dämonenkriegern, Magiern und Monstern zusammen, rüstet sie individuell mit Equipment und Skills aus und schickt sie in den Kampf. Im Kampf werden dann auf dem gitterförmigen Spielbrett rundenbasiert eure Kämpfer platziert und die gegnerische Einheit wird Zug um Zug eliminiert. Dabei spielt Strategie eine wichtige Rolle. Der Angriffs- und Bewegungsradius muss jederzeit im Blick behalten werden und mit cleveren Formationen werden besonders starke Team- und Comboattacken ausgeführt.

Die interessanten Mechaniken abseits des S-RPG-Baukastens sind zum einen die menschlichen Türme und zum anderen die Geo-Panels. Ihr könnt mit einem menschlichen Charakter andere Humanoide hochheben und werfen. Baut hohe menschliche Türme und ihr könnt innerhalb einer Runde das den Gegner am anderen Ende der Karte erreichen. Geo-Panels sind hingegen farblich markierte Felder mit bestimmten Eigenschaften. Gegner können darauf stärker sein, Zauber können blockiert werden, sie können Mauern bilden, sie kennen keine Grenzen an positiven, negativen und neutralen Statuseffekten. Wird die Geo-Pyramide, der Verursacher, zerstört, nehmen alle Gegner des Bereiches Schaden und der Effekt wird aufgelöst oder von einer anderen Pyramide abgelöst. Beide Mechaniken sind oft zentrale Elemente einer Schlacht und sorgen im späteren Verlauf für knifflige Kopfnüsse.

Bis hierhin haben wir einen durchschnittlichen Vertreter des Genres. Wer etwas damit anfangen kann, wird mit der 15-20 Stunden langen Kampagne seinen Spaß haben – und wahrscheinlich nie verstehen, wie Spieler in die Vorgänger 200h und mehr hineinbuttern konnten.

In der frei begehbaren Basis, der Pocket Netherworld, finden wir genug Funktionen, die sich wunderbar während des ersten Durchgangs ignorieren lassen. Im Gericht könnt ihr Vorschläge für die Politik eurer Unterwelt machen. Setzt bessere Items im Shop durch oder stärkt eure Gegner für mehr Erfahrungspunkte. Wenn ihr mit der Klassenwahl eines Charakters nicht zufrieden seid, wählt die Reinkarnation um ihm eine neue Aufgabe zu geben. In der Item-World könnt ihr im Inneren eines beliebigen Items durch zig Stages prügeln um die Qualität zu verbessern. Items können ‚Innocents‘ enthalten, die dem Gegenstand zusätzlich verschiedene Attribute verleihen. Nehmt sie aus den Items heraus, kombiniert und fusioniert sie und erschafft so beispielsweise eine Lanze mit Bonus-Erfahrungspunkte oder besonders hohem Angriffswert. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Möglichkeiten! Das Spiel bietet unglaublich viel Raum für die personalisierte Charakterentwicklung. Mit dem fünften Teil wurde noch neben kleinen Neuerungen und Änderungen in bestehenden Systemen die Chara-World analog zur Item-World eingeführt, Einheiten lassen sich jetzt in Squads einteilen und im Quest-Shop gibt es Aufgaben, die uns bei Erfüllung mit neuen Klassen, Items und Geld belohnen.

Der Großteil dieser Features ist optional und das führt zu einem unausgeglichenen Schwierigkeitsgrad. Nutzt man all die Möglichkeiten, die einem das Spiel bietet, hat man schnell einzelne Charaktere oder Items, die übermächtig für den aktuellen Storyfortschritt sind. Dann muss für eine vernünftige Portion Anspruch aufwendig manuell nachjustiert werden. Denn Disgaea ist trotz seiner umfangreichen und unterhaltsamen Story als Grinder konzipiert. Nach dem Erreichen des Endes motiviert es weiterhin zum Leveln, Optimieren und Sammeln. Und das kostet Zeit und es ist über weite Teile stumpf. Erreicht Stage 100 der Item World für die perfekte Waffe, wiederholt eine einfache Mission 500 Mal um euer Level zu boosten, verbrennt eure Freizeit für die virtuelle Million. Es gehört zur Faszination der Reihe das Metagame zu durchschauen und Methoden und Wege zum perfekten Spielstand zu finden. Tipp an Einsteiger: Kümmert euch darum erst im New Game Plus für die beste Spielerfahrung.

Lobend soll noch erwähnt werden, dass die Erstauslieferung des Spiels mit Artbook und physischem Soundtrack daherkommt. Für Fans ein Muss. Bereits zum Start sind im PSN zahlreiche DLCs für Charaktere aus den Vorgängern und zusätzliche Missionen verfügbar. Bei den Preisen ein fragwürdiger Fanservice, aber das muss jeder für sich entscheiden.

Fazit:
Disgaea 5 erfindet das Rad nicht neu. Eigentlich nimmt die Reihe weiterhin das robuste Rad des Erstlings und schmückt es mit neuen Felgen und Aufklebern. Genreneulinge werden mit den höherwertig produzierten Konkurrenzprodukten vermutlich besser bedient, S-RPG-Fans dürfen den Blick dank der humorvollen Story und interessanter, eigenständiger Mechaniken gerne wagen und Disgaea-Veteranen kommen um das Spiel sowieso nicht drumherum. Die Änderungen im Detail und die Möglichkeiten zu noch mehr Optimierung und Perfektionierung der Dämonentruppe sorgen wieder für schlaflose Nächte bei stundenlangem Grind, dood.

(getestet von eape)