Early Access-Test: Encased (PC)

Nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne feiert das dystopische Sci-Fi-RPG Encased von Entwickler Dark Crystal Games endlich die Veröffentlichung der Early Access-Version. Dabei stecken hinter dem Studio keine unbekannten Namen, sondern einige ehemalige Entwickler der Larian Studios, die sich vor allem durch die beiden Divinity: Original Sin-Ableger in den letzten Jahren einen außergewöhnlichen Ruf unter Freunden von westlichen Rollenspielen erarbeitet haben. Statt aber einfach einem Original Sin-Klon im Sci-Fi-Gewand abzuliefern, verfolgt das Spiel eine eigene Vision, die man wohl am besten mit Fallout 1 & 2 vergleichen könnte. Wir haben einen Blick in den aktuellen Build geworfen und verraten euch im Test, ob sich das Ticket in die Kuppel heute schon lohnt.

Wir schreiben das Jahr 1971, als die Menschheit mitten in der Wüste auf eine riesige, gläserne Struktur stößt, die sogenannte Kuppel, die unter sich unzählige Relikte und Anomalien beherbergt. Ein wissenschaftlicher Goldrausch bricht aus und schnell gründen die wichtigsten Supermächte der Welt mit Cronus einen gemeinsamen Megakonzern, dessen Aufgabe es ist, die klügsten und mutigsten Köpfe der Welt zusammenzutrommeln, um die Geheimnisse der Kuppel zu erforschen und vor allem zu lösen. Doch gibt es ein Problem bei der ganzen Sache: die Struktur lässt zwar Menschen hinein, aber nicht mehr hinaus. Alle Versuche, sie wieder zu verlassen, endeten tödlich und somit ist jeder gleichzeitig auch ein Gefangener der Kuppel. Also wie kann man trotzdem genug potenzielle Arbeiter für das Unterfangen rekrutieren? Genau, man verspricht ihnen den Himmel auf Erden. Fliegende Autos, ein unendlicher Vorrat an Energie, mit Crystal Sands wird direkt die modernste Stadt der Welt erbaut und vielleicht erwarten die Bewohner der Kuppel sogar das ewige Leben! Doch sieht die Realität in den Laboren von Cronus komplett anders aus. Niemand versteht so richtig die alienartige Technologie, was regelmäßig zu Unfällen und fehlgeschlagenen Experimenten führt, die nicht selten ganze Teams auslöschen. Die Öffentlichkeit weiß darüber natürlich noch nichts und deswegen ist es kein Wunder, dass auch fünf Jahre nach der Entdeckung der Kuppel, Cronus immer noch als der attraktivste Arbeitgeber der Welt gilt. Eine Chance, die wir uns auch nicht entgehen lassen können.

Encased kann man recht schnell und simpel als West-RPG der alten Schule betiteln. Wir bewegen via Mausklick und über eine isometrische Kamera unseren Charakter, den wir uns direkt am Anfang des Spiels in einem Editor selber zusammen basteln. Hier wählen wir aus drei Geschlechtern, zwei Körpertypen, verschiedenen Gesichtern, Hautfarbe, Haaren und sonstigen Details etwas aus, bis die Person unseren Vorstellungen entspricht. Statt uns jedoch für eine typische Rollenspiel-Klasse zu entscheiden, wie z.B. Krieger, Schurke oder Magier, dürfen wir in Encased einen der fünf verschiedenen Abteilungen des Cronus Konzerns beitreten. Wissenschaftler gehören dem weißen Flügel an, Arbeiter dem blauen, Bürokraten dem silbernen, Sicherheitskräfte dem schwarzen und dann wären noch die kriminellen Zwangsarbeiter, die dem orangen Flügel angehören. Egal wie wir uns aber entscheiden, unsere Skillung und Perks dürfen wir danach frei bestimmen. Ein Anzugträger der auf seine Fäuste setzt oder doch ein Genie unter Dieben? Die Entwickler lassen hier alle Optionen offen. Zum Glück, denn Skills und Perks sind meistens wichtiger, als eine gut geölte Schrotflinte und wirken sich auf alle Aspekte des Spiels aus. Nehmen wir nur die Eröffnungsszene und die verschiedenen Möglichkeiten, die uns hier schon geboten werden, als kleines Beispiel. An unserem ersten Tag bleibt der Aufzug auf halber Strecke plötzlich stecken. Über und unter uns liegen mehre hunderte Meter klaffende Leere und auf den ersten Blick ist keine rettende Tür in Sicht, sondern nur eine Notfallleiter und ein offener Lüftungsschacht. Steigen wir über die Leiter nach unten oder oben, kommt uns irgendwann auf dem Weg der Aufzug wieder entgegen und damit hätten wir unseren ersten Skillcheck. Verfügen wir nämlich über genug Punkte in Geschicklichkeit, schaffen wir es, dem Aufzug auszuweichen. Haben wir diese aber nicht, dann sollten wir uns lieber einen anderen Weg suchen. Bleibt also noch der Lüftungsschacht übrig, mit dem wir in den Maschinenraum gelangen. Dort angekommen, treffen wir auch auf unseren ersten NPC und können damit direkt die Skills und Perks im Dialog austesten, denn Techniker Derek hat ein großes Problem, von dem Niemand wissen soll. Derek betreibt nämlich nebenbei mit ein paar Kollegen noch einen Schmugglerring, die Artefakte aus den Laboren stehlen, verkaufen und dabei natürlich keine Zeugen gebrauchen können. Verfügen wir jedoch selber über genug kriminelle Energie, lässt sich ein Deal einfädeln und Derek lässt uns weiterziehen. Fehlen die Punkte, können wir ihn nicht davon überzeugen uns lebendig gehen zulassen und es kommt zum Kampf um Leben und Tod. Ebenso lässt sich das komplette Gespräch vermeiden, wenn wir ihm aus dem Weg gehen oder wir verwickeln den Schmuggler mit dem Drehen am richtigen Rad in einen tödlichen Unfall. Egal wie wir es auch lösen, die meisten Entscheidungen im Verlaufe der Geschichte haben Konsequenzen für uns, da das Spiel über ein Ruf-System verfügt, welches uns je nach Taten und dem erfolgreichen Abschließen von Quests Minus- und Pluspunkte bei den verschiedenen Abteilungen von Cronus beschert. Je nachdem, welchen Ruf wir uns erarbeitet haben, reagieren NPCs anders, geben Informationen von sich aus weiter, teilen Rabatte aus oder verhalten sich uns gegenüber misstrauisch.

Aber nicht nur in den Rollenspiel-Mechaniken entspricht der Titel der alten Schule, sondern vor allem auch wenn es um die direkten Konfrontationen geht. Sobald wir in ein Gefecht kommen, geht Spiel in einen rundenbasierten Modus über, in dem wir mit unseren verfügbaren Aktionspunkten den nächsten Zug planen. Alles kostet dabei Punkte. Wenn wir uns von einem Feld zum nächsten Bewegen, zuschlagen, schießen, nachladen oder Skills verwenden. Das Problem hierbei ist aber, wie bei so gut wie jedem Titel, der sich genau an dieses alte Fallout-artige Punktesystem bedient, dass die Kämpfe dadurch unglaublich statisch wirken. Wieso wertvolle Punkte mit Bewegen verbrauchen, wenn die meisten Gegner einen eh im Nahkampf verwickeln und somit selber angelaufen kommen? Das heißt, wir bauen uns entweder einen starken Frontkämpfer, der mit seinen Fäusten oder Nahkampfwaffen Schädel einschlägt, oder einen präzisen Scharfschützen, der direkt zu Start jeden Gegner auf dem Feld mit wenigen Schüssen ausschalten kann. Wobei letzteres noch Anfangs schwierig ist, da wir in den ersten Spielstunden kaum brauchbare Schusswaffen finden, was die meisten Spieler noch mehr zu einem kräftigen Nahkämpfer drängt. Somit ist kaum Platz für interessante Experimente in den Builds, außer man will sich das Leben noch schwieriger machen. Ein modernes Kampfsystem, welches vor allem mehr Kreativität zulässt und sogar belohnt, wäre hier ein Segen gewesen. Somit bleibt Encased leider aktuell nur außerhalb der Kämpfe wirklich interessant.

Doch wie viel Spiel steckt nun in der aktuellen Early Access-Version? Im Groben haben wir es hier mit dem Prolog von Encased zu tun, der die erste größere Mission der Hauptstory für uns bereit hält. Schließen wir diese ab, wird der Spieler in einen Teil der offenen Welt entlassen und darf diese frei nach Artefakten, Events und noch mehr Gefechten absuchen und sich somit auf den zukünftigen Content vorbereiten. Abseits der weiteren Quests und Gebiete fehlen aber auch noch einige Mechaniken und teilweise ganze Perk Trees, die bis jetzt teilweise nur unvollständig im Spiel zur Verfügung stehen. Bei der technischen Umsetzung kann man ebenso noch von einem unfertigen Produkt sprechen. So springt die Kamera in Dialogen gerne mal quer über die Karte oder unser Charakter stellt sich extra doof an, wenn es um die Wegfindung geht. Gerade sobald Türen im Weg sind, egal ob verschlossen oder nicht, müssen wir ihn regelrecht an die Hand nehmen. Wo der Weg auch noch nicht ganz so klar ist, ist die eigene Roadmap der Entwickler, die bis zur Veröffentlichung der finalen Version, erfüllt werden soll. So heißt es nur grob, dass wir in den nächsten neun Monaten mit dem Release von 1.0 rechnen können und mit dem Nachreichen von Akt 2 und 3 nach und nach das Spiel mit neuen Content in allen Richtungen aufgestockt werden soll. Einen angepeilten Termin gibt es aber auch hier noch nicht wirklich. Wer also jetzt schon ins Spiel einsteigen will, sollte eine gewisse Portion Vertrauen in den Entwickler legen und auf eine transparente Kommunikation in den nächsten Wochen hoffen.

Fazit:
Encased macht vieles richtig, doch versteift es sich selber zu sehr in der Vergangenheit. Auf der einen Seite motivieren die unzähligen Skill- und Perkchecks in den gut geschriebenen Dialogen und spannenden Situationen, unseren Charakter noch mehr zu spezialisieren. Was nebenbei erwähnt jedes Ziel eines guten Rollenspiels sein sollte. Gleichzeitig drückt das verstaubte Kampfsystem von Anno 1997 aber auch sehr auf die gesamte Spielerfahrung, gerade wenn man dann nach dem Prolog hauptsächlich nur noch mit Kämpfen beschäftigt ist. Wer damit kein Problem hat, da er schon seinen kompletten Tag mit Aktionspunkten plant, kann dies sicherlich verkraften und die Sonnenseiten von Encased genießen. Potenzial steckt nämlich eindeutig in dem Titel, die Frage ist nur, ob sich deswegen die aktuelle Version für euch lohnt. Denn manchmal brauchen Dinge einfach nur etwas mehr Zeit, um wirklich gut zu werden.

Encased ist seit dem 25. September auf Steam als Early Access-Titel erhältlich. Die Vollversion ist für Mitte 2020 geplant, Konsolen-Portierungen für Playstation 4, Switch und Xbox One sollen später folgen.

(getestet von Dr. Para)