Im Test: Until Dawn (PS4)

Noch im Jahr 2012 für die Playstation 3 als Move-Titel angekündigt, rotiert das von dem britischen Entwicklerstudio Supermassive Games produzierte Horror-Game Until Dawn nun als Exklusivspiel in heimischen PS4-Konsolen. Ausgerüstet mit Kerzenlicht, Popcorn und Wechselunterwäsche haben wir uns auf den Weg zur verfluchten Skihütte gemacht. Im Test erfahrt ihr, ob es sich lohnt uns zu folgen.

Until Dawn beginnt als Spiel-gewordenes Horrorfilmklischee. Acht Freunde treffen sich nach einem Jahr erneut in einem abgelegenen Herrenhaus um wie ‚Pornostars zu feiern‘ und so den Tod zweier Mädels zu verarbeiten. Die beiden Mädels waren die Schwestern von Josh, einem reichen Typen mit düsteren Augenringen, die vorangegangenes Jahr nach einem Streit im verschneiten Gebirge unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sind. Lassen wir das einfach so stehen und fügen hinzu, dass dort noch ein Serienmörder auf freiem Fuß ist und es sich beim Nachbargebäude um eine verwaiste Nervenheilanstalt handelt. Das Gebirge beherbergte übrigens noch einen okkulten Indianerstamm und außerdem…, ach, seht am besten selbst. An Zündstoff für eine abwechslungsreiche Horrorgeschichte mangelt es Until Dawn nicht.

Die Gruppenchemie stimmt. Der zwielichtige Josh ist uns bereits bekannt. Sein bester Kumpel ist die abgedrehte Brillenschlange Chris, der wiederum auf die etwas zurückhaltende Ashley steht. Dann haben wir noch das vernünftige Blondchen mit Pferdeschwanz Sam und den klassischen Action-Helden Mike zusammen mit seiner angriffslustigen und naiven Freundin Jessica. Fehlt noch sein farbiger Konkurrent Matt, der jetzt mit Mikes launischer Exfreundin Emily zusammen ist. Rudelkämpfe und Zickenterror sind vorprogrammiert.

Zum Glück. Denn die billigen Anmachen und Auseinandersetzungen machen erstaunlich viel Spaß. Das liegt zum einen an dem ausgezeichneten Drehbuch, das mit pointierten, humorvollen Dialogen aufwartet ohne (zu sehr) ins Lächerliche zu driften. Trotz ihrer überzogenen Art sind die Charaktere und ihr Zusammenspiel immer glaubhaft. Wenn Chris in Mönchskutte verkleidet seine Freunde zu Tode erschreckt und danach ein „Boom! You got monked!“ raushaut oder Jess Mike zum Kamin kommandiert, da sonst noch ihre Zunge an seinem Fahnenmast kleben bleibt, sind die Sprüche schon wieder so blöd, dass man das Gefühl hat, sie im eigenen Freundeskreis erlebt zu haben. Die überzeugende Leistung der Schauspieler erweckt das Skript aber erst zum Leben. Mit Motion Capturing wurden Mimik und Gestik aus dem Filmstudio ins Spiel übertragen, die Until Dawn auf sehr hohes inszenatorisches Niveau heben. Allein in einigen wenigen Szenen werden die Gesichter durch die manchmal übertriebene Mimik unfreiwillig grotesk.

Das Spiel verweist immer wieder auf sein zentrales Symbol, den Schmetterling, das Zeichen für den ‚butterfly effect‘. Der Flügelschlag eines Schmetterlings soll auf der anderen Seite der Welt einen Tornado auslösen können. Ganz so weit geht Until Dawn nicht. Oft wird man vor die Wahl zwischen zwei Optionen gestellt. Wagt man einen gefährlichen Sprung oder geht auf Nummer sicher? Bleibt man ruhig oder kontert aggressiv? Meistens findet man die einzige Konsequenz dieser Handlung im Statusbildschirm. Dort sieht man die variablen Charaktereigenschaften jeder Person und den Beziehungsstatus. Ob sich jetzt aber Mikes Coolness zu dauernder Angst entwickelt oder Chris sein Interesse an Ashley verliert, hat keine merklichen Auswirkungen auf den Spielverlauf. Konsequenter sind dafür viele Entscheidungen während der Actionsequenzen. Dort wird die aktive Kontrolle über die jeweilige Spielfigur aufgegeben und der Verlauf über Reaktionsspielchen und Entscheidungen unter Zeitdruck beeinflusst. Drückt man bei einem Quick Time Event die falsche Taste, ist zu langsam oder trifft die falsche Entscheidung, kann das auch den permanenten Tod des Charakters bedeuten. Um nichts dem Zufall zu überlassen liegen an jeder zweiten Ecke Totems herum, die Hinweise auf Gefahren geben, letztendlich wird es aber leider oft zur Glückssache, ob ein Charakter das Morgengrauen noch erleben wird. In der Theorie können jedenfalls alle acht Freunde überleben, aber auch sterben. Der Tod, also das Fehlen eines Charakters in der sonst unveränderlichen Geschichte, ist dann aber auch bereits die größte Änderung am Spielgeschehen.

Viel mehr als der Schmetterlingseffekt haben mich hingegen die Erkundungsabschnitte begeistert. Während sie anfänglich noch sehr kurz ausfallen und der Grusel primär durch häufige Jumpscares erzeugt wird, werden im späteren Verlauf große Gebäude, Höhlen und Wälder relativ frei erkundet. Die Abschnitte bleiben zwar linear, der Spieler behält aber über weite Strecken die aktive Kontrolle über die Spielfigur. Ohne lange Unterbrechungen wird mit der frei beweglichen Taschenlampe jede Ecke ausgeleuchtet um Hinweise auf die rätselhaften Ereignisse und die dunkle Hintergrundgeschichte des Ortes zu entdecken. Das erzeugt eine dichte, beklemmende Atmosphäre, die näher an das Spielgefühl von Survival-Horror-Games kommt und sich von den eher passiven Genrekollegen entfernt.

Nicht nur spielerisch entfaltet sich Until Dawn im Mittelteil, auch die Story nimmt Fahrt auf. Die Hintergrundgeschichte verdichtet sich, Handlungsstränge werden klarer und erste Geheimnisse werden aufgedeckt. Aus der Spukgeschichte manifestieren sich brutale Gewaltszenen, psychodelischer Horror und Paniksituationen. Die Neugierde lechzt nach mehr. Leider bleibt die Geschichte gegen Ende hinter den Erwartungen zurück. Sie schafft es nicht, die verschiedenen parallel laufenden Handlungsfäden befriedigend zu verbinden. Handlungsstränge werden isoliert beendet oder verlaufen ins Leere. Das Klischee wird weder aufgebrochen noch wird ein würdiges Finale in den Grenzen eines konventionellen Horrorslashers gefunden. Hier hätte ich mir mehr Kreativität und Mut bei den Autoren gewünscht.

Technisch überzeugt Until Dawn. Die Bewegungen der Charaktere sind lebensecht, die Umgebungen detailliert und im realistischen Kerzenschein oder Smartphonelicht sehr stimmungsvoll. Einziges Manko ist hier die instabile Framerate selbst bei unaufgeregten Situationen.
Die nervenaufreibende Musik des Komponisten Jason Graves jagt uns wie schon bei Dead Space und The Order: 1886 den Puls in die Höhe. Für Besitzer von offiziellen Playstation-Kopfhörern gibt es mit der passenden App sogar die optimale Soundabmischung für den Horrortrip.

Außerdem wird eine optionale Bewegungssteuerung angeboten. Sie ist leider entgegen der Intention weder intuitiv noch natürlich. Die klassische Padsteuerung ist zwar erst ungewohnt träge, nach kurzer Eingewöhnungszeit aber eindeutig die bessere Wahl.

Ein Lob für die gute Menügestaltung. Gesammelte Objekte lassen sich hier ein weiteres Mal untersuchen und die getroffenen Entscheidungen werden übersichtlich chronologisch aufgelistet. Unter den Optionen können sowohl die Sprache für Sprachausgabe als auch die Untertitel eingestellt werden. Ich empfehle hierbei die englische Originalsynchronisation. Interessierte können im kurzen, aber gut aufbereiteten Making-Of Hintergründe zur Entwicklung des Spiels erfahren.

Fazit:
Until Dawn überschreitet weder spielerische noch inhaltliche Standards. Die Konsequenzen der Entscheidungen sind trügerisch, Kernelement ist das Drücken von angezeigten Buttons und wer hier den Ausbruch aus dem Teenieslasherklischee im Stile des unkonventionellen Horrorfilms ‚Cabin in the Woods‘ sucht, wird enttäuscht sein. Akzeptiert man Until Dawn aber als interaktiven Slasher, erhält man einen spritzigen, mitreißenden Horrortrip mit erstklassiger Darbietung, den sich kein Playstation 4-Besitzer entgehen lassen sollte. Boom-chacalaca!

(getestet von eape)