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Im Test: Pathologic 2 (PS4)

Fast ein Jahr nach der Veröffentlichung auf dem PC findet das sperrige Pathologic 2 endlich seinen Weg auf die Playstation 4 und die Zeit könnte nicht besser dafür sein. Während draußen der Coronavirus die Welt in die kollektive Isolation führt, sind wir erneut durch die virtuellen Straßen von Gorkhon gerannt, um in zwölf Tagen die Stadt vor einer tödlicheren Seuche zu retten. Ob der Konsolen-Port mit seinen Neuerungen deutlich einsteigerfreundlicher ist oder die Performance uns einen Strich durch die Rechnung macht, erfahrt ihr im Test.

Es ist nun zwölf Tage her, dass wir unseren Fuß in Gorkhon gesetzt haben. Die Seuche hat mittlerweile zu viele Leben eingefordert und das Militär sieht keine anderen Optionen mehr, als die komplette Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Im letzten Moment bietet uns der mysteriöse Theaterbesitzer Mark Immortell aber eine zweite Chance an. Ein Neustart, der uns wieder an den ersten Tag unserer Ankunft zurücksetzt, um alles anders zu machen und somit die Bevölkerung der Stadt vor ihrem grausamen Schicksal zu retten. Ohne wirkliche Alternativen nehmen wir das Angebot von Immortell an und sitzen schon im nächsten Moment wieder im Zug Richtung Heimat. Doch wieso ist unser Protagonist Artemy Burakh, auch Haruspex genannt, überhaupt auf dem Weg nach Hause? Er hatte die Stadt schließlich vor fünf Jahren hinter sich gelassen, um Chirurg zu werden. Als ihn vor einer Woche ein wichtiger Brief seines Vaters Isidor Burakh erreicht, drängt ihn sein Pflichtbewusstsein, der Bitte seines Vaters nachzugehen. Nach einer fieberhaften Odyssee in Gorkhon angekommen, erwartet den Haruspex ein Begrüßungskommando, bestehend aus drei unbekannten Männern. Statt Geschenken und Blumen ziehen die Männer jedoch Messer aus den Taschen und greifen Artemy ohne offensichtlichen Grund an. Es kommt, wie es kommen muss und Artemy tötet die drei Angreifer in Notwehr. Ausgelaugt durch die lange Reise und verletzt durch den Kampf, schafft es der junge Chirurg gerade mal so am Haus seines Vaters anzukommen, doch auch hier wartet eine böse Überraschung auf ihn: Isidor ist am Morgen verstorben und laut Zeugen sogar ermordet worden. Manche reden von einem Golem aus der Steppe, andere von Hexen und wiederum andere Beschreibungen passen exakt auf Artemy. Die Gerüchte um die drei Toten am Bahnhof und das passende Täterprofil sorgen schnell dazu, dass der Haruspex in seiner eigenen Stadt nicht mehr sicher ist. Der wahre Mörder muss gefunden werden und dann wäre da noch die Seuche, die die Stadt eh am zwölften Tag verschlingt. Alleine, hungrig und verletzt müssen wir nun unser Schicksal ändern, bevor es zu spät ist.

Pathologic 2 versteht sich als Open World Survival-Thriller mit Anleihen aus dem Immersive-Sim Genre und starken narrativen Fokus. Die Betonung liegt hier besonders auf Survival, denn der Kampf ums Überleben ist allgegenwärtig und fließt in so gut wie jeder Mechanik des Spiels ein. Erschöpfung, Durst, Hunger, Krankheiten und Verletzungen machen uns das Leben schwer und sorgen dafür, dass ein Stück Brot und saubere Bandagen wertvoller für uns sein können, als ein Revolver mit Munition. Ebenso wertvoll ist die Zeit an sich, denn diese läuft uns ständig davon und ein Tag entspricht ca. zwei Stunden echter Spielzeit. Somit müssen wir unser Vorhaben immer gut einplanen und notfalls mögliche Hinweise oder Treffen gar komplett ignorieren, denn in der Welt von Pathologic 2 wartet niemand auf uns. Verstreicht der Tag, verstreicht damit auch der vielleicht wichtige Dialog und die damit zusammenhängende Nebenmission. Wir stehen also im Grunde jedes Mal erneut vor verschiedenen Entscheidungen, die uns die Entwickler nie direkt auf die Nase drücken, sondern ganz natürlich durch die Mechaniken des Spiels kommen. Welchen Charakter besuchen wir, wie behandeln wir ihn, riskieren wir unser Leben und damit wichtige Ressourcen und helfen einer Person oder verzichten wir darauf und holen Schlaf nach, damit wir nicht in den nächsten Stunden vor Erschöpfung ohnmächtig werden. Die Konsequenzen sind vielschichtig und nie auf den ersten Blick direkt zu erkennen. Manche danken uns oder sehen unsere Hilfe auch als Schwäche an, die man im gegebenen Fall ausnutzen kann. Hier kommt vor allem auch das großartige Writing zu tragen. In Gorkhon haben wir es nie mit Heiligen und Schurken zu tun, sondern mit normalen Menschen, die alle ein eigenes Ziel verfolgen. Selbst die spielenden Kinder auf den Straßen verlieren schnell ihre Unschuld gegenüber uns, wenn es um das eigene Überleben geht.

Neben dem Erfüllen von Aufgaben und dem Nachgehen von Informationen steht das regelmäßige Aufstocken von Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern natürlich ganz oben auf unserer Liste. Geschäfte sind dabei die offensichtlichsten Anlaufstellen dafür und diese finden wir am Anfang unseres Abenteuers noch recht großzügig über die ganze Stadt verteilt. Apotheken, Lebensmittelgeschäfte und Boutiquen für Kleidungen bieten ein gutes Sortiment und nehmen als Zahlungsmittel Münzen an. Alternativ können wir auch aber mit den Bürgern in der Stadt Tauschhandel betreiben und hier liegt auch das Herzstück der gesamten Ökonomie hinter Pathologic 2. Durch die Seuche steigen nämlich nach wenigen Tagen die Preise für alles Mögliche an und unser Geld wird schnell wertlos. Was am Vortag noch dreihundert Münzen gekostet hat, kann nun plötzlich über tausend kosten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind wir auf den Tauschhandel angewiesen und müssen dabei auf Angebot und Nachfrage achten. Jede Schicht in der Bevölkerung benötigt nämlich andere Dinge. Während der normale Bürger schon mit sauberen Wasser zufrieden ist, wollen Kinder hingegen meistens Stichwaffen von uns und tauschen dagegen auch ihr letztes Stück Brot. Haben wir nichts zum Verkaufen oder Tauschen, bleibt uns nichts anderes übrig, als in fremde Häuser einzusteigen und dort nach Wertsachen oder etwas zum Beißen zu suchen. Werden wir dabei auf frischer Tat ertappt, sinkt unser Ruf im Bezirk und Leute wollen nicht mehr mit uns handeln oder greifen uns sogar direkt an. Mit der steigenden Epidemie werden die Bezirke aber auch zu verlassenen Sperrgebieten, in denen keiner mehr lebt und wir ungeschoren plündern können. Der große Haken an der ganzen Sache? Natürlich die Auswirkungen der Seuche. Zwar helfen uns Schutzkleidung und Medizin vorübergehend unsere Immunität aufrecht zu halten, doch wirklich lange können wir uns damit nicht in den Häusern aufhalten. Ab diesem Punkt merkt man es vielleicht schon, aber Ice-Pick Lodge wollen uns mit Pathologic 2 weder unterhalten, noch etwas wie Spielspaß erzeugen. Nein, der Titel ist hart, teilweise ungerecht und belohnt nur selten den Spieler für seine Taten. Somit erzeugen die Entwickler gleichzeitig aber auch ein glaubwürdiges Szenario, in dem wir eben täglich an der Schwelle zum Tod stehen, egal wie sicher wir uns auch fühlen. Wem das alles zu sehr nach Arbeit klingt, kann aber auch diesen Grad an Realismus etwas nach unten drehen, denn mittlerweile bietet das Spiel hier uns verschiedene Optionen an, mit denen wir das Erlebnis zu unseren Gunsten anpassen können. Da hätten wir als Erstes die drei neuen Schwierigkeitsgrade, die man jedoch links liegen lassen kann, da wir auch die Möglichkeit haben uns unseren eigenen Schwierigkeitsgrad zusammen zu basteln. Dank etlichen Parametern können wir somit selber bestimmen, wann der Hunger eintritt, wie sich unsere Ausdauer regeneriert und sogar wie viele Nahrungsmittel wir in den Straßen von Gorkhon finden. Damit wird Pathologic 2 zwar deutlich einsteigerfreundlicher, aber verliert es gleichzeitig nicht an Substanz, da selbst die doppelte Menge an Verpflegung in brenzligen Situationen nicht über jedes Problem hinweg hilft.

Nicht nur Krankheiten und Hunger wollen uns an den Kragen, sondern stehen immer wieder körperliche Auseinandersetzungen an. Wehren können wir uns mit unseren Fäusten, verschiedenen Nahkampf- und Schusswaffen. Letztere sind eher selten und wie bereits erwähnt, lohnt sich das Eintauschen von Munition gegen Lebensmittel und Medizin zu sehr, als das wir unsere Feinde wirklich damit niederschießen sollten. Auch ist unsere Gesundheit zu wertvoll, um diese in einem unnötigen Kampf aufs Spiel zu setzen, weswegen eine Flucht fast immer die bessere Wahl ist. Ist dies keine Alternative für uns, heißt es Deckung oben halten, die eigene Ausdauer beachten und auf den richtigen Moment zum Zuschlagen warten. Hat unser Gegenüber ein paar Treffer von uns kassiert, geben sie nicht selten auf und bitten um Gnade. Ignorieren wir nun diese Bitte und töten ihn im Kampf, spricht sich dies schnell in der Bevölkerung rum und man wird uns mehr als Schlächter in Gedächtnis haben, statt als Chirurg und Mediziner. Am Ende des Tages sind wir nämlich immer noch in erster Linie Arzt und dies vor allem aus Überzeugung. Somit steht das Helfen von erkrankten Personen im zentralen Mittelpunkt in der Rolle des Haruspex. Pathologic 2 wäre aber nicht Pathologic 2, wenn dies alles mit einem Tastendruck zu erledigen wäre. Erstmal müssen wir an dem Patienten eine Diagnose erstellen, um die Ursache für das Leiden herauszufinden. Hier unterscheidet das Spiel grob zwischen Nerven, Knochen und Blut-Krankheit. Das Verabreichen von Schmerzmitteln (die uns übrigens auch selber besser schlafen lassen) und einer speziellen Flüssigkeit, lassen uns dem Problem näher auf den Grund gehen, damit wir die passende Medizin als Gegenmittel auswählen können. Mit Antibiotika stoppen wir die Infektion und dämmen die Krankheit erstmal ein, aber um wirkliche Heilung zu verschaffen, müssen wir in unser kleines Labor und Tränke brauen. Aber nicht nur erkrankte, sondern auch verletzte Patienten brauchen unsere medizinische Hilfe. Hier greifen wir dann zum Skalpell und müssen den Fremdkörper, wie z.B. Kugeln oder abgebrochene Klingen, aus dem richtigen Organ entfernen. Wer hier vor nichts zurück schreckt, kann übrigens auch Toten ihre Organe entnehmen und Blut abzapfen, um diese zu Tauschen oder zu verarbeiten.

Besonderen Wert legt Ice-Pick Lodge neben dem philosophischen Writing und den komplexen Mechaniken, die Pathologic 2 zu einem erbarmungslosen Erlebnis machen, auch auf die düstere Atmosphäre und Präsentation. Einen großen Teil trägt alleine die Stadt Gorkhon dazu bei, denn hier kollidieren zwei harte Realitäten aus Fortschritt und Tradition aufeinander. Wie ein Berg thront die Fleischfabrik über die Stadt, in denen ein großer Teil der Bewohner ihr monatliches Einkommen verdienen, in dem sie täglich die Rinder aus der Steppe zu Fleischpaketen verarbeiten. Eine gut geölte Maschine der Lebensmittelindustrie, die Tag und Nacht funktioniert und langsam der Umwelt ihre Kinder nimmt. Ein harter Kontrast dazu ist die Tatsache, dass die Stadt komplett umgeben von der Steppe existiert und umringt ist von Dörfern und Siedlungen der Ureinwohner des Landes, die noch die alten Bräuche und Traditionen wahren und natürlich mit der Natur umso mehr verbunden sind. Statt aber komplett voneinander getrennt zu leben, verschmelzen beide Einflüsse in den Straßen und kreieren damit eine einzigartige Atmosphäre, die man vielleicht noch am ehesten mit Planescape: Torment vergleichen könnte. Technisch musste sich der Konsolen-Port mit einigen Abstrichen begnügen. Nicht nur wurde an der Qualitätsschraube für Texturen und Effekten gedreht, sondern kämpft das Spiel auf den Konsolen mit Framerateeinbrüchen, Texturen werden öfters zu spät geladen und es kommt generell zu längeren Ladezeiten. Zwar waren diese Probleme teilweise auch in der PC-Version präsent, doch noch in einem kleineren Rahmen, so dass es damals nicht wirklich ins Gewicht gefallen ist. Auf den Konsolen ist es nun jedoch deutlich anders und der Gesamteindruck büßt dadurch schon einiges ein. Ein Highlight hingegen ist und bleibt der großartige Soundtrack und das gesamte Sounddesign, welches das ganze nochmal audiovisuell abrundet. Komponist und Audio Direktor Vasiliy Kashnikov hat hier für siebenundvierzig Songs geschrieben, welche die oben angesprochene, surreale Heirat aus Industrie und Schamanismus fantastisch untermalt. Zusätzlich dazu lieferte die russische Neofolk Band Theodor Bastard ein komplettes Album mit vierzehn eigenen Liedern zum Spiel ab, was die Gesamtspielzeit des kompletten Soundtracks auf stolze drei Stunden heranwachsen lässt.

Fazit:
Pathologic 2 war bereits auf dem PC schon ein ganz besonderer Titel und daran ändert sich auch nichts auf der Playstation 4. Zwar dämpfen technische Unzulänglichkeiten und die teils sperrige Steuerung in den Menüs das Spielvergnügen, aber abseits davon bietet das Spiel auf der Konsole genau die gleiche einzigartige Erfahrung, wie schon letztes Jahr auf dem Heimcomputer. Vor allem für Neueinsteiger, die bis jetzt keine Erfahrungen mit dem Vorgänger machen konnten, werden dank den Neuerungen bezüglich des Schwierigkeitsgrads einen deutlich leichteren Weg durch die Survival-Mechaniken und Elemente von Pathologic 2 finden. Alles in allem der richtige Zeitpunkt dieser Perle endlich ihre verdiente Chance zu geben.

Pathologic 2 ist seit dem 6. März für Playstation 4 erhältlich.

(getestet von Para)

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