Im Test: Hellblade: Senua’s Sacrifice (PS4, Steam)

Ninja Theory löst sich von den Ketten der Publisherverträge und präsentiert mit Hellblade ihren ersten selbstveröffentlichten AAA-Titel. Für schmale 30€ im PSN und auf Steam begleitet man Senua auf eine Reise in die nordische Unterwelt. Im Test erfahrt ihr, ob das mutige Independent-Studio, auch ohne gigantisches Budget, den hohen Ansprüchen gerecht werden kann.

Wie erreicht man Immersion in Videospielen? Mehrere Faktoren lassen uns in eine virtuelle Welt abtauchen, sie fühlen, uns für ein fiktives Geschehen emotional öffnen, um Angst, Wut und Wahnsinn mitzuerleben. Oberflächlich reißt uns eine audiovisuelle Authenzität mit. Nicht nur eine hohe technische Qualität, sondern auch realistische Umgebungen, glaubwürdige Animationen, nachvollziehbares Gegnerverhalten. Spielmechanisch muss die Interaktivität in die Handlung verwoben werden, und ein Kampf oder Rätsel muss mehr als seinem Selbstzweck dienen. Auf tiefster Ebene steht die Spielfigur, ein Charakter, der umfänglich und schlüssig geschrieben sein muss, der genug Empathie zulässt, um ihn zu leben.

Hellblade: Senua’s Sacrifice ist unbestritten eine Charaktergeschichte. Die titelgebende Schlüsselfigur ist Senua, eine nordische Frau mit blauer Kriegsbemalung und einer einfachen, aber doch bedrohlichen Rüstung aus Fell und Leder. Ihre Augen schweifen wild umher, Stimmen der Umnachtung plagen sie während ihrer Reise in die mythologische Unterwelt Helheim. Sie schüttelt ihren instabilen Geisteszustand ein weiteres Mal ab und fokussiert ihr Bewusstsein mit aller Anstrengung auf die Suche nach ihrer verlorenen Liebe.

Von der ersten Minute reißt diese starke, zentrierte und komprimierte Geschichte einen direkt mit. Senua ist detailliert und eindrucksvoll geschrieben. Dieser originelle Charakter lebt dank viel Feingefühl und technischer Rafinesse. Melina Juergens leiht der Figur den Körper, das Gesicht und Stimme, und die Animationen spielen hier auf dem allerhöchsten Niveau mit. Unterstützt wurde sie bei ihrer Rolle von unterschiedlichen Experten in der Neurologie, um Senuas Psychose glaubwürdig darzustellen.

Die Detailverliebtheit und Ernsthaftigkeit der audiovisuellen Umsetzung der Entwickler spiegelt sich auch in der Umgebung wider. Die Landschaften und Architektur zwischen skandinavischer Natur und keltischer Mythologie wurden gekonnt gezeichnet. Jedes Panorama wirkt wie ein einzigartiges Gemälde und wie prächtige Monumente und dunkle Höllenvisionen ineinandergreifen erinnert an die imposantesten Szenen aus Miyazakis Souls-Serie. Gleichzeitig verschmilzt die Spielwelt mit Senuas psychotischen Trugbildern und Verzerrungen und wir empfinden das Geschehen visuell mit, wenn in der Dunkelheit nur graue Konturen die Schwärze mildern, kräftige Schwerthiebe unsere Sicht verschwimmen lassen und bizarre, zerstückelte Träume uns den Geist verdrehen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient sich aber der Sound. Nicht umsonst rät das Spiel zu Beginn zu Kopfhörern. Dank binauraler Aufnahmetechnik ist der 3D-Sound hier besonders effektreich. Die Stimmen des Wahnsinns wandern um unseren Kopf herum, während in der Ferne Blitze Helheim erzittern lassen und der Regen auf unseren Schultern prasselt. Hellblades Sounddesign ist referenzverdächtig.

Die audiovisuelle Technik brilliert. Das Art Design bildet die Speerspitze in der Branche. Und die Umsetzung der Autoren, Schauspieler und Inszenatoren ist makellos. Nie griff sich ein Spiel meinen Geist, meinen Bewusstsein so erbarmungslos. Hellblade ist regelrecht fesselnd, eine unglaublich intensive, unfassbar nahe Erfahrung eines sehr abstrakten, fernen Themas.

Und doch gibt es einen kleinen Schubser zurück in den Wohnzimmersessel, zurück in die reale Welt, weg von der Immersion. Und das ist das Gameplay.

Trotz der linearen Pfade fühlt sich die Reise nie beengend an und hat genug Freiraum für ein authentisches Spielgefühl. Die meiste Zeit wandern wir durch das verdorbene und verdrehte Helheim, erleben Senuas Geschichte, atmen die Welt. Hin und wieder kommt es zu inszenatorisch beeindruckenden Kämpfen gegen mächtige Dämonen der nordischen Mythologie. Das eigentliche Kampfgameplay ist reduziert, bildet mit zwei Angriffen, einem Ausweichmanöver, dem Block und einem zeitverlangsamendem Fokus aber ein intuitves und doch anspruchsvolles Fundament. Jedes Gefecht ist wuchtig und trägt mit viel Gewicht die düstere Handlung.

Das gilt aber leider nicht für die Rätsel, die vermutlich gut die Hälfte der um die acht Stunden langen Kampagne, einnehmen. Hier gilt es überwiegend keltische Runen zu suchen und dabei kleine Umgebungsrätsel zu lösen. Für sich genommen keine schwachen Puzzles, aber sie nehmen zu viel Tempo aus dem Geschehen, wirken meistens aufgesetzt und wiederholen sich zu oft bevor es wieder zum heiß ersehnten Fortschritt in der Story kommt. Es ist schade, wenn man sich diesem Spiel vollkommen hingibt und die Immersion dadurch gebrochen wird, dass man einen Buchstaben in der Levelarchitektur nicht finden kann und deswegen wie ein aufgescheuchtes Huhn umherirrt. Hier hätte ich mir noch etwas mehr Mut zur Abkehr konventioneller Spielmechaniken gewünscht.

Fazit:
Mit Hellblade ist Ninja Theory ein wichtiges Werk für das Medium gelungen. Dieses Spiel dreht sich um einen Charakter und seine Geschichte, alles mündet in seine Darstellung. Die opulente Technik, die Inszenierung und das Gameplay dienen dieser zentralen Figur und schaffen damit eine bisher nie erreichte Immersion. Auch wenn die Rätsel uns manchmal daran erinnern, hier doch vor einem Videospiel zu sitzen, überzeugt Hellblade als spannende Charaktergeschichte höchster interaktiver Intensität. Eine ausgewöhnliche Erfahrung und ein absolutes Must-Have.

(getestet von eape)

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