Im Test: 428: Shibuya Scramble (PS4, PC)

Trotz der Erstveröffentlichung im Jahr 2008 dürften nur wenige von 428: Shibuya Scrambe gehört haben. Das Visual Novel hat trotz herausragender Kritiken gut zehn Jahre gebraucht, um den Weg von Japan in den Westen zu finden. Jetzt ist es aber endlich soweit und Spike Chunsoft und Koch Media führen uns zur vielleicht belebtesten Kreuzung Japans, dem Shibuya Crossing in Tokyo. Was es dort zu erleben gibt, erfahrt ihr in unserem Test.

Auf den ersten Blick scheint es ein ganz normaler Morgen an Tokyos populärer Shibuya-Kreuzung zu sein. An den Straßen drängen sich die Autos und tausende Menschen passieren binnen Sekunden das eindrucksvolle Getümmel. Was in der Menge schnell verloren geht, sind die 50 nervösen Polizisten mit ständigem Blick auf die Uhr, und die vor Angst erstarrte junge Frau Hitomi Osawa, die an Hachikos Statue mit einem reich befüllten Aktenkoffer steht.

428 erzählt als Visual Novel einen spannenden Krimi aus der Perspektive mehrerer Charaktere. Anfangs noch ein routinierter Fall von Geiselnahme und Erpressung, entwickelt sich die Geschichte zu einem komplexen Konstrukt persönlicher Dramen und verwobener Beziehungen. Dabei agieren wir nicht nur als passiver Beobachter in der Rolle der einzelnen Charaktere, sondern beeinflussen die Handlung mit regelmäßigen Entscheidungen. Im Gegensatz zu anderen Visual Novels errichten wir damit aber keinen linearen Weg zu einem der Enden. Wir müssen aktiv zwischen den Charakteren springen und eine Kollektivlösung finden, um die Geschichte voranzutreiben und eins der guten Enden und letztendlich das True Ending zu erreichen.

Eine weitere Besonderheit ist die visuelle Darstellung. 428 kommt als Live Action Visual Novel daher. Eine Mischung aus Video- und Fotoaufnahmen erzählt die Story bildlich, während wir uns durch beschreibende Texte und Dialoge lesen. Trotz der recht bodenständigen Geschichte mit viel Realmaterial, darf man hierbei aber keine bitterernste Inszenierung erwarten. Viele Bilder strahlen mit überzogenen Mienen und albernen Figuren bei überdramatisierender Musik mehr Ulk aus als vielleicht beabsichtigt war.

So mag der Zugang zu diesem sehr japanischen Abenteuer nicht jedem leichtfallen. Wer aber sich für die moderne fernöstliche Kultur interessiert, wird all die realen Schauplätze und gesellschaftliche Phänomene förmlich in sich hineinsaugen. 428 nutzt nicht nur die Tokyoer Szenerie als Hintergrund, sondern erklärt in einer umfassenden Datenbank auch große und kleine Sehenswürdigkeiten, politische und gesellschaftliche Strukturen und kulturelle Eigenheiten.

Überhaupt bietet 428: Shibuya Scramble einen beachtlichen Umfang. Die Hauptstory erstreckt sich über gut 40 Stunden, mehrere gute Enden erhöhen den Wiederspielwert und es gibt auch hier und da einige Geheimnisse freizuschalten. Da verzeiht man dem Spiel auch die etwas eingerostete Aufmachung. Wirklich hochauflösend sind die Aufnahmen nicht und oft scheint für meinen Geschmack etwas zu viel Seifenopfer hindurch, was trotz Allem seinen unterhaltsamen Reiz hat.

Fazit:
428: Shibuya Scramble schmeißt uns direkt in kalte, pazifische Gewässer. All die Referenzen zur japanischen Kultur werden viele von uns erst einmal überfluten. 428 lässt uns aber nicht ertrinken, sondern wirft uns einen Rettungsring aus Erklärungen hinterher, so dass auch wir diesen spannenden non-linearen Krimi genießen können. Mit jedem neuen spielbaren Charakter werfen wir ein neues Licht auf den wachsenden Kriminalfall bis aus einer simplen Geiselnahme ein mächtiges multidimensionales Drama entsteht. 428 ist trotz und wegen seiner verschrobenen Eigenarten ein Muss für Fans japanischer Visual Novels und ein guter Einstieg in das Genre für neugierige Gamer.

(getestet von eape)