Im Test: Red Dead Redemption 2 (PS4, XBOX One)

Es ist der Nachfolger eines der beliebtesten Spiele der letzten Konsolengeneration. Und mit rund 3000 Entwicklern und acht Jahren Entwicklungszeit ist es das wahrscheinlich größte Videospielprojekt dieser Generation. Auf Red Dead Redemption 2 stützen sich nie dagewesene Erwartungen. Wir satteln zuversichtlich auf und nehmen in unserem Review das Wild-West-Epos von Prestige-Entwickler Rockstar ins Visier.

Wir erinnern uns an den Vorgänger Red Dead Redemption: 1911. Der mittlerweile friedliche Farmer John Marston wird vom Bureau of Investigation erpresst, die lebenden Mitglieder seiner ehemaligen Banditenbande zur Rechenschafft zu ziehen. Um sein Familienglück fortzusetzen greift er also wieder zu den Waffen und lebt sein aufgegebenes Leben als Gesetzesloser weiter, spürt seine verstreuten Ex-Kollegen auf, legt ihnen das Handwerk und findet dabei das einzige Ende, das man als Mann des freien Wilden Westens in Zeiten der gesetzestreuen Moderne finden kann.

Red Dead Redemption 2 setzt diesen Konflikt zwischen Gesetz und dem Leben der Gesetzeslosigkeit fort, dreht die Zeit aber ins Jahr 1899 zurück. Marstons alte Gang verbreitet noch Angst und Schrecken in Amerikas Städten, raubt und meuchelt in der Prärie. Wir schwenken aber von Marstons Perspektive auf das Bandenmitglied Arthur Morgan, einem kantigen, stets loyalen Cowboy, der dem charismatischen Anführer Dutch van der Linde treu zur Seite steht.

Was in den Augen des Gesetzes nicht mehr als eine mordende Verbrecherbande ist, ist im eigenen Banditenlager eine große, warmherzige Familie. Typisch für Entwickler Rockstar sind hier die klar ausgearbeiteten, leicht überstilisierten Charaktere. Neben den bereits erwähnten zentralen Figuren haben wir in unserem Camp Koch und Fleischer Pearson, einen alten Kriegsveteran, den etwas verrückten Reverend Swanson, dessen neue Religion Alkohol und Sex sind, den Österreicher Herr Strauss, Schatzmeister und gefühlskalter Kredithai, und noch gut zwei Dutzend weitere Persönlichkeiten, die durch die Bank weg überzeugend geschrieben sind und trotz ihres meist überzogenen Charakters immer einen doppelten Boden mit unerwarteter Tiefe verstecken.

Sie sind aber nicht nur Teil der Narrative und Missionsgeber, sie sind auch atmender Bestandteil einer authentischen offenen Welt. Red Dead Redemption 2 definiert hier das Open World-Genre neu. Die Welt ist mehr als eine offene Karte, mehr als eine großräumige Kulisse, sie lebt, sie reagiert, sie ist bis an die Wurzeln mit dem Gameplay verwoben.

So beherbergen die unterschiedlichen Landschaften von amerikanischen Sümpfen bis hin zu schneebedeckten Berggipfeln an die 200 Tierspezies. Vogelschwärme bedecken den Himmel, Wildpferde galoppieren am Horizont und Alligatoren warten regungslos am Flussufer auf ihre ahnungslose Beute. Das schafft eine authentische Welt, aber gleichzeitig steckt dahinter auch eine umfangreiche Jagdsimulation, bei der wir Köder, Windrichtung, Trefferzonen, Waffen und Munition und natürlich das Tierverhalten bedenken müssen, um erfolgreich zu sein. Das Spiel endet aber nicht mit der erlegten Beute. Wir häuten das Tier, verstauen die Überreste auf unserem Pferd und bringen sie beispielsweise zu unserem Lagerkoch Pearson, der sich dankbar zeigt uns dafür handgefertigte Taschen aus dem Fell anbietet und mit dem Fleisch einen Eintopf für das Camp kocht, das die Moral stärkt und uns mit Gesundheit segnet.

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Elemente der offenen Welt nicht nur für eine nachvollziehbare Spielumgebung sorgen, sondern gleichzeitig als Gameplaymechaniken ineinandergreifen. Man ist nicht der alleinherrschende Spielcharakter, der die Welt leerräumt, man teilt sich die Welt mit weiteren reagierenden Strukturen. Bezeichnend dafür ist auch das NPC-Verhalten. Rennen wir wie ein Rowdy in einen Saloon, begrüßen uns empörte Blicke. Rempeln wir dabei noch einen anderen Besucher an, führt das gerne zu unschönen Worten. Wir können die Situation mit einer Entschuldigung entspannen oder das Wortgefecht fortsetzen und es eskalieren lassen. Zücken wir gar die Waffe, verursachen wir Panik in der Bar und haben schnell den Sheriff auf unseren Fersen.

Dieses sehr intensive, authentische Spielgefühl überträgt sich natürlich auch auf die unglaublich umfangreichen Hauptmissionen, die uns für gut 50 Stunden auf eine packende Wild-West-Reise schicken. Hier schränkt sich der Inszenierung zugute das Spiel selbstverständlich stärker ein. Meistens folgt auf einen gemeinsamen Ritt voller charakterprägender Dialoge eine filmische Darbietung, die sich vor Hollywood nicht verstecken muss.

Dabei erinnern die wortstarken Szenen hinsichtlich des Drehbuches und der Regie zuweilen an Tarantino, in modernen Gefilden oftmals an Scorsese. Der Soundtrack aus der Feder mehrerer großer Musikproduzenten – von David Ferguson, Johnny Cashs Sound Engineer bis hin zum Queens of the Stone Age Schlagzeuger Joe Theodore – untermalt das Geschehen jederzeit pointiert. Diese Symbiose aus referenzverdächtiger Spielumgebung, eindrucksvoller Technik und hochbudgetierter, konkurrenzlos kompetenter Regie macht Red Dead Redemption 2 zu einem einzigartigen Entertainmenterlebnis, das die Grenzen des Videospiels sprengt.

Es ist aber mehr als handwerkliches Geschick, das Rockstar hier an den Tag legte. Das Spiel erzählt das persönliche Drama eines Verbrechers, eines Freundes und eines reflektierenden Menschen. Arthur offenbart sich als sehr interessanter und vielschichtiger Charakter, der mit seiner äußerlichen Erscheinung und Art nicht sofort Sympathien für sich gewinnen kann, aber über die Laufzeit unser Herz gewinnt und uns mitfiebern und mitleiden lässt. Es ist ein Abenteuer diesen Menschen kennenzulernen und ihn auf seiner Reise zu begleiten.

Die Reise ist charakterfokussiert, führt uns aber zwangsläufig in die Probleme der angebrochenen Moderne, der Industrialisierung, des gesellschaftlichen Umbruchs. Auf farbige Haut wurde herabgeschaut, Indianer wurden aus ihrer Heimat vertrieben, Frauen wurden in ihre Geschlechterrolle gedrängt. Diese Themen lassen sich einfach auf die heutige Zeit übertragen, und wie sie aktuell sind, sind sie auch hochbrisant. Red Dead Redemption 2 schreckt vor diesen Themen nicht zurück und wagt sich in ein gefährliches Minenfeld. Mit ungeheurem Fingerspitzengefühl, mit Respekt vor den Opfern dieser Zeit, aber auch mit dem nötigen Respekt vor der Historie, findet Rockstar eine unwahrscheinliche Balance zwischen Satire und Ernsthaftigkeit, die das Spiel mit einem gesellschaftskritischen und künstlerischen Wert auszeichnet.

Im Kerngameplay bleibt auch der zweite Red Dead Redemption-Titel ein Shooter. Aus der Deckung heraus nehmen wir unsere Feinde in Visier und nutzen die Zeitlupenfunktion Dead Aim, um in Windeseile mehrere Gegner mit unserem Revolver auszuschalten. Rockstar erfindet das Rad nicht neu, ist im eigentlichen Gameplay trotz einiger interessanter Ideen überraschend konservativ. Aufgrund der zahlreichen Möglichkeiten der Fortbewegung und Charakterinteraktion mit all den fast schon verrückten Details wirkt die Steuerung schnell überladen und nicht so intuitiv und präzise wie wir es von anderen Spielen des Genres kennen. Es dauerte einige Stunden bis die Bedienung in Fleisch und Blut übergeht und der steuerungstechnische Umfang nicht behindert, sondern das Gameplay aufwertet.

Fazit:
Red Dead Redemption 2 bricht keine Konventionen. Es ist in seinem Aufbau klassisch und konservativ, ein Open-World-Shooter im Wilden Westen. Red Dead Redemption 2 verschiebt aber in diesem Genre die uns bekannten Grenzen. Die Welt lebt. Jeder Charakter, jede Siedlung, jedes Tier lebt ein Leben, reagiert auf uns glaubwürdig, macht aus diesem Shooter eine Simulation, die uns tief in sich hineinsaugt. Als Teil dieser authentischen Welt blüht die konkurrenzlose Regie erst so richtig auf und misst sich mit souveränen Hollywoodgrößen, während das Drehbuch nicht nur ein intensives persönliches Drama eines Mannes, gefangen in seiner gesetzeslosen Vergangenheit, erzählt, sondern sich nicht vor der kritischen und satirischen Betrachtung von Themen wie Rassismus und Sexismus scheut. Red Dead Redemption 2 ist ein Meisterwerk und Meilenstein, Monument und Höhepunkt der Videospielkunst.

(geschrieben von Wladyslaw Oswiecimski)