Im Test: The Legend of Heroes: Trails of Cold Steel (PS4)

Es hat etwas gedauert, aber endlich findet die japanische Rollenspiel-Saga Trails of Cold Steel ihren Weg von der Vita und PS3 über den PC auf die aktuelle Konsolengeneration. Die brandneue PS4-Version kommt mit einigen Neuerungen daher und lockt somit nicht nur Neueinsteiger, sondern auch Kenner der Serie zu Thors Militärakademie. Wir lassen uns nicht zweimal bitten und berichten in unserem Test von unserer Rückkehr zu diesem unscheinbaren JRPG-Juwel.

Als ich damals zum ersten Mal Trails of Cold Steel auf der Playstation Vita startete, hatte ich nicht viel erwartet. Selbst die verwandte, bekannte Serie Trails in the Sky kannte ich kaum vom Hörensagen. Als Fan japanischer Rollenspiele hat es dennoch nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht. Gebt mir ein klassisch-konservatives Kampfsystem, ein paar generische Anime-Tropes und ich bin zufrieden. In der Not frisst der Teufel Fliegen. – Oh, wie falsch ich nur mit meinen Erwartungen lag.

Aber tasten wir uns erst langsam an dieses Spiel heran. Trails of Cold Steel bedient jedes japanische Rollenspiel-Klischee. Neun Jugendliche besuchen eine renommierte Militärakademie. Da wären der Protagonist Rean, das bedachte, allseits beliebte Zentrum der Gruppe. An seiner Seite sind die hübsche, etwas zickige Alisa, die mysteriöse, weißhaarige Fie, der schüchterne Streber Elliot, der stinkreiche Adlige Jusis, eine kesse, attraktive Lehrerin und noch einige andere Klassenkameraden. Aber ähnlich wie die Genreschwester Persona schenkt das Spiel diesen populären Stereotypen viel Herz und Hintergrund. Trails of Cold Steel nimmt sich dafür viel Zeit. Und beendet man diesen ersten Teil der vierteiligen Saga wird man die ganze Gruppe und so einige Nebencharaktere lieben gelernt haben.

Es sind aber nicht nur die Charaktere, die derart viel Aufmerksamkeit vom Spiel erhalten. Die ganze Welt wird mit viel Liebe zum Detail aufgebaut ohne die Handlung aus den Augen zu verlieren. Zusammen mit den Schülern lernen wir die Parteien und die Politik dieser Welt kennen. Und verwoben in bodenständige Konflikte treffen wir auf geheimnisvolle Kräfte und dunkle Mächte. Dabei ist letztendlich der erste Part nicht mehr als ein Auftakt für eine epische Geschichte. Er wird aber zu jeder Zeit dank fein abgestimmten Pacing unterhaltsam erzählt. Jeder Handlungsstrang dient als Quelle für viel Lore aber auch für eine in sich geschlossene Story. Und am Ende dieser Reise wird man zufrieden zurückgelassen, schaut aber auch dank tiefem Verständnis dieses interessanten Universums mit Neugier und freudiger Erwartung auf die Fortsetzungen.

Aber die inhaltliche Komponente ist nur eine der Stärken dieser Reihe. Die andere tragende Säule der The Legend of Heroes-Spiele ist das Kampfsystem. Es ist traditionell rundenbasiert. Es hat aber einige Dimensionen mehr als wir es von den Urvätern, FInal Fantasy und Dragon Quest, und ihren geistigen Kindern kennen. Zum einen haben wir ähnlich wie bei Grandia eine Zeitachse. Die Aktionsreihenfolge ist sehr flexibel und lässt sich mit unterschiedlichen Fähigkeiten beeinflussen. So können wir den starken Angriff eines Gegners nach hinten schieben, um mit unserem Heiler die Party etwas aufzufrischen und für zusätzliche Defensive zu sorgen, oder wir lösen selbst gezielt mächtigen Kombinationen aus. Außerdem finden die Gefechte in einem dreidimensionalen Raum statt. Wir wählen also nicht nur Skills aus, sondern können die Spielfiguren auch bewegen und uns und unsere Magieangriffe strategisch clever positionieren. Je nach Schwierigkeitsgrad müssen wir die Spielmechaniken beachten und beherrschen, um uns mit dem kämpferischen Erfolg zu krönen.

Die eigentlichen Kampftaktiken sind aber nur ein Teil des Erfolgsrezepts. Das Fundament schaffen wir dafür im Basiscamp. Jeder Charakter hat seine spezifischen Stärken und Schwächen wie auch individuelle Angriffe und Fähigkeiten. Trotzdem haben wir freie Entwicklungsmöglichkeiten für jeden von ihnen. Mithilfe von Quartz verändern wir die Attribute und ermöglichen den Einsatz von Zaubern und Skills. So können wir beispielsweise aus Alisa eine unterstützende Heilerin oder eine offensive Bogenschützin machen. Wichtig ist es nur, auf eine klassische, ausgewogene Rollenverteilung zu setzen, um das ganze Potential der Party auszuschöpfen.

Die grundlegende Struktur des Spiels ist weniger offen. Trails of Cold Steel wechselt innerhalb längerer Intervalle zwischen den von sozialen Interaktionen geprägten Abschnitten in der Akademie, und Klassenausflügen, die ihren Fokus auf politische Konflikte setzen. Es gibt zwar die ein oder andere Nebenaufgabe und in den späteren Spielstunden des an die 100h langen Abenteuers öffnet sich das Spiel zunehmend, insgesamt haben wir es hier aber mit einem Rollenspiel zu tun, das den roten Faden immer in Griffnähe behält und seine erzählerischen Qualitäten in den Vordergrund rückt.

Das Alter kann Trails of Cold Steel auch in seiner neuesten Version nicht verstecken. Es ist kein Hochglanzprodukt hohen Budgets, bietet aber eine ansehnliche Kulisse, charmant designte Charaktere und einen tollen Soundtrack.
Kenner der Serie dürfte es freuen, dass sich der Speicherstand der PS3- und Vita-Version übertragen lässt. Außerdem läuft das Spiel nun absolut astrein mit 60fps ohne Performance-Einbrüche mit sauberer Bildqualität in 4k. Um einen erneuten Durchgang zu begünstigen, können wir das Geschehen jetzt auch beschleunigen und erfreuen uns an den kleinen Ergänzungen zur Story und zum Gameplay. Auf dem Papier hat sich nicht viel getan, die Detailverbesserungen köderten mich aber zum dritten und angenehmsten Durchlauf.

Fazit:
Die Altersfalten können die Neuerungen nicht glattbügeln. Die erweiterten Inhalte und Komfortoptionen zusätzlich zur verbesserten Technik konnten mich und werden auch andere Fans allerdings zum erneuten Durchspielen bewegen. Für Neueinsteiger hingegen ist Trails of Cold Steel auf der PS4 der perfekte Einstieg in eine japanische Rollenspiel-Serie, die mit einem hohen inhaltlichen Detailgrad und einem komplexen Kampfsystem zu den besten ihrer Zunft gehört. Hat man das Spiel beendet, ist einem bereits so ziemlich jeder Haupt- und Nebencharakter ans Herz gewachsen, und zum Glück erwartet uns zeitnah die Portierung des Nachfolgers und Ende diesen Jahres soll auch schon der dritte Teil der Quadrologie im Westen erscheinen, so dass der Durst nach mehr politischen Intrigen und zwischenmenschlichen Dramen alsbald gestillt werden kann. Von uns gibt es eine unbestrittene Spielempfehlung.

(getestet von eape)