Im Test: Planescape: Torment: Enhanced Edition (PC, iOS, Android)

Wann immer irgendwo die Frage nach dem besten Rollenspiel aller Zeiten auftaucht, so scheint es einem ungeschriebenen Gesetz zu unterliegen, dass sich jemand findet, der den Namen „Planescape“ selbstbewusst vor allen anderen Spielen in den Raum stellt. Mir geht es da nicht anders, denn Planescape ist das Spiel, welches mir auf diese Frage hin sofort von meinem Unterbewusstsein gereicht wird. Wieso dem so ist, was diese Faszination selbst nach mittlerweile etlichen Durchgängen noch aufrechterhält und weshalb diese Enhanced Edition die beste Art und Weise ist, wie man Planescape derzeit erleben kann, möchte ich euch hier kurz erläutern.

Vorweg ein kleiner, geschichtlicher Ausritt
Planesecape: Torment wurde ursprünglich 1999 veröffentlicht, entwickelt vom mittlerweile nicht mehr existenten Black Isle Studio (vor allem noch bekannt durch die zwei originalen Fallout Teile) und published durch Interplay, durchlief es einen recht schwierigen Entwicklungsprozess – entwickelt nebst Fallout 2 und das lange Zeit relativ unbeaufsichtigt durch ein kleines Team. Nachdem es in die Vollproduktion ging, Interplay während dieser Zeit frisch an der Börse notiert war und man vom Erfolg eines vor kurzem erschienenen Baldurs Gate naschen wollte, wurde der Druck auf das Team stärker. Das Management verlangte ein striktes Einhalten des anvisierten Zeitfensters, dessen schlussendlich leider auch mehrere Nebenhandlungen und Charaktere zum Opfer fielen. Der damalige Interplay Produzent des Titels (Gudio Henkel), der sich mit Händen und Füßen gegen das Einwirken des Managements zur Wehr setzte, verließ Interplay aufgrund dieser Differenzen noch vor der finalen Veröffentlichung von Planescape, konnte aber seiner Aussage nach eine vollständige „Verkrüppelung“ des Designkonzepts durch das Management abwehren.

Kommerziell blieb man mit Planscape leider hinter den hohen Erwartungen zurück. Interplay wollte damit eigentlich einen ähnlichen, starken Erfolg wie beim bereits durch sie verlegten Baldurs Gate erzielen (welches übrigens auf derselben Engine basiert und im selben Dungeons and Dragons Universum angesiedelt ist, auch wenn das nicht gerade ersichtlich ist, aufgrund des sonderbaren Planescape Multiversums), scheiterte daran aber aufgrund verschiedenster Faktoren wie Marketing, Zugänglichkeit und derlei. Trotz aller Unkenrufe hat sich Planescape jedoch für die Entwickler selbst gerechnet und konnte so nach kurzer Zeit bereits die Entwicklungskosten von 3-4 Millionen Dollar wieder einspielen, inklusivem leichtem Plus. Durch den erlangten Kult Status sind über die Jahre hinweg auch noch sehr viele weitere Exemplare über die Ladentheke gewandert – besonders über die digitale Ladentheke.

Aus dem geschlossenen Entwicklerstudio Black Isle, gingen übrigens mehrere bekannte, auf Rollenspiele spezialisierte Studios hervor: Obsidian Entertainment (Pillars of Eternity, South Park: Stick of Truth, Fallout New Vegas, Tyranny etc.), Troika Games (Vampires: The Masquerade – Bloodlines) und inXile Entertainment (Torment, Wasteland 2).

Enhanced Edition?
Vorweg zur Entwarnung: Man hat keine inhaltlichen Änderungen am Spiel vorgenommen. Die Kernerfahrung bleibt exakt dieselbe aber darumherum hat man sich um etliche sinnvolle Verbesserungen bemüht, welche die Enhanced Edition als die derzeit beste Version des Spiels herauskristallisieren. Zu diesen Verbesserungen zählen…

  • Auflösungen hoch bis zu 4K und die Unterstützung sämtlicher Bildschirmformate (wobei 1080p und 16:9 der Sweetspot sind). Die Texte sind nun in höheren Auflösungen endlich wieder komfortabel lesbar.
  • Diverse kleinere, grafische Optimierungen.
  • Überarbeitung des 800.000 Wörter (!) starken Scripts durch den originalen Lead Designer Chris Avellone. Ich denke, dass das allerdings nur das englische Original betrifft. Man sollte das Spiel aber ohnehin auf Englisch spielen. Die deutsche Übersetzung ist zwar als ganz ordentlich zu bezeichnen, es fehlen aber etliche Feinheiten und die sprachliche Brillanz des originalen Scripts. Hatte ich bereits erwähnt, dass ihr nicht lesefaul sein dürft? Nein? Gut, ihr wurdet hiermit jetzt ausdrücklich gewarnt.
  • Etliche Optimierungen, die den Spielkomfort betreffen, welche 1999 noch niemand so richtig am Radar hatte aber mittlerweile zum guten Ton gehören, wie zB ein optimiertes Questlog mit Suchfunktion, der Möglichkeit allen Loot auf einmal einzusammeln oder einer Funktion um Objekte hervorzuheben. Es bleit aber dennoch festzuhalten, dass das Gameplay bereits damals altbacken war und keinen allzu hohen Stellenwert genoss. Das ändert sich auch heute nicht, abgesehen vom nun erhöhten Komfort. Wer einen alten Klassiker mit größerem und besserem Gameplay Fokus sucht, der sollte sich lieber ein Baldurs Gate 2 ansehen.
  • Remaster des Original Soundtracks. Keine Sorge, auch hier wurde nichts verändert, er klingt bloß besser und hochwertiger denn je zuvor.
  • Es lässt sich übrigens auch alles gänzlich frei ab und zu schalten. Wer will, kann Planescape also auch in der Original Fassung oder irgendwo dazwischen spielen.

Insgesamt kann man festhalten, dass es sich bei der Enhanced Edition um eine behutsame Restaurierung handelt, deren viele kleine Änderungen insgesamt eine doch große Wirkung entfalten.

What can change the nature of a man?
Eine gewichtige Frage, zeitlos wie zeitgerecht, die bereits die alten Griechen zum Pausieren und Nachdenken einlud und auch noch etliche Denker in Zukunft beschäftigen wird. Es ist nicht die einzige Frage, mit der man konfrontiert wird, während man durch die Straßen, Gassen, Hallen, Krypten und Welten dieses Spiels wandert aber es ist die zentrale Frage, der Big Kahuna und es gibt eine sehr denkwürdige Szene später, die einen dazu zwingt sie zu beantworten. Ziemlich harter Tobak für ein Computerspiel und mehr ein Thema für eine Philosophieklasse, als für ein elektronisches Unterhaltungsmedium aber da einer der Hauptverantwortlichen Schöpfer des Spiels einen Abschluss in Philosophie hat, ist es auch das Kernthema von Planescape. Wo die meisten Spiele mit solchen philosophischen Fragen unheimlich plump umgehen und daraus schnell zum Kopfschütteln anregende Trash Fiction wird, habe ich vor Planescape und leider auch danach, kaum ein Spiel erlebt, welches so dermaßen delikat, so sorgsam und nachdenklich stimmend mit seinen philosophischen Themen umgeht.

Bei den meisten Rollenspielen dreht es sich immer irgendwo um die Rettung der Welt (einer Nation oder sonstigen, weltlich anmutenden, wichtigen Dingen). Planscape hingegen geht es um die eigene Erlösung. Beim Spielstart weiß der Spieler davon freilich noch nichts und man erwacht völlig ahnungslos in einem Leichenhaus. Im Laufe seiner Entdeckungsreise wird man nach und nach Bruchstücke der (langen und Jahrhunderte umspannenden) Vergangenheit zusammenfügen, sei es durch niedergeschriebene Quellen, etlichen Dialogen oder wiedererlangten Erinnerungen. Zuerst scheinen diese Fragmente nicht miteinander verknüpft aber sie fügen sich langsam zusammen, bis man am Ende die gesamte Wahrheit erkennt – und oh boy, was für eine Wahrheit das ist!

Dazu gesellt sich ein einzigartiges Setting, das Planscape Multiversum (das dem Dungeons & Dragons Komplex angehört), welches ich nicht in seiner ganzen Pracht beschrieben könnte, ohne mich jetzt in einem viel zu langen und ausufernden Roman zu verzetteln. Es ist auf jeden Fall eine der größten Faszinationen des Spiels, dieses in rund 50 Spielstunden selbst zu entdecken. In meinen Augen eines, wenn nicht sogar das interessanteste, vielschichtigste, kreativste und originellste Setting welches mir je unterkam.

Da der Kernaspekt von Planescape Torment seine Story, seine Charaktere und seine Spielwelt sind, fühlt sich alles, was ich nun dazu schreiben könnte (und liebend gerne tun würde) an wie ein Spoiler und wenn ich eines hier tunlichst vermeiden möchte, dann ist es irgendjemanden dieses großartige Erlebnis auch nur in irgendeiner Form zu spoilern. So müsst ihr mir es nun einfach glauben, wenn ich nun mit Nachdruck und ganz ohne zu übertreiben Folgendes als finales Fazit dahinstelle:

Fazit:
Planescape ist das herrlichst geschriebenste Spiel, welches ich je vergenusszwergeln durfte. Es ist eine fabelhafte, unvergessliche Geschichte über die Natur der Identität, der Macht des Bedauerns und des Todes. Dieses Opus magnum des Genres nimmt das Herz und den Intellekt des Spielers mit auf eine lange Reise durch ein einzigartiges Szenario und löst sich selbst in einem fantastischen, zum Nachdenken anregenden Finale auf. Mit Recht eine Superlative des Rollenspiels und jeder, der sich selbst als Freund guter Geschichten sieht, sollte sich selbst einmal davon überwältigen lassen. Mit dem Erscheinen der Enhanced Edition ist nun auch der beste Zeitpunkt dazu gekommen!

(getestet von Trayal)

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