Gamescom Preview: Cyberpunk 2077

Die polnische Entwicklerschmiede CD Projekt RED zählt dank der glorreichen The Witcher-Reihe aktuell zu den gefragtesten Studios in der Spielewelt. Wir hatten auf der Gamescom die Gelegenheit, uns hinter verschlossenen Türen ihr neuestes Werk anzusehen: Cyberpunk 2077.

Die polnischen Entwickler von CD Projekt RED haben es wahrscheinlich zurzeit nicht leicht. Im Jahr 2013, noch weit vor dem Launch ihres damals noch hoch herbeigesehnten Mammut-Rollenspiels „The Witcher 3“, veröffentlichten sie einen Teaser-Trailer zu ihrem nächsten Projekt „Cyberpunk 2077“ und machten damit Fans von Blade Runner und Co den Mund wässrig. Auch wenn der Teaser damals nicht allzu viel vom eigentlichen Spiel verriet, war der Hype rund um das Projekt direkt enorm hoch. Die ersten Trailer zu The Witcher 3 sowie The Witcher 2, seines Zeichens eines der besten Rollenspiele der letzten Generation, setzten CD Projekt RED auf die Liste der Rockstar-Entwickler. Ein Studio mit unglaublichem Talent auf Kurs in den Videospiel-Olymp.

Gute 2,5 Jahre nach dem ersten Teaser zu Cyberpunk 2077 erschien mit The Witcher 3 der neue Star am Rollenspiel-Himmel.  Mit einem Meta-Schnitt von 93 auf Metacritic eines der wohl bestbewerteten Spiele aller Zeiten. Zusätzlich zum Erfolg vom dritten Teil der Geralt-Saga, rückten die DRM-freie Initiative GOG.com, eine Unternehmensgruppe die zu CD Projekt RED gehört und DRM-freie PC Spiele vertreibt sowie das Unterfangen, The Witcher 3 mit 16 kostenlosen DLCs in den ersten Wochen zu versorgen, CDPR in den Fokus der Spieler. Die Erwartungen an das nächste Projekt waren und sind bis heute unglaublich hoch. Der Druck, der auf dem Studio lastet, muss gigantisch sein, aber zum Glück wissen sie, was sie zu tun haben. Seit dem Release des Teasers im Jahr 2013 gab es mehr oder weniger immer nur tröpfchenweise Informationen zu Cyberpunk 2077. Bis zur E3 2018, an der uns zum Abschluss der Microsoft Pressekonferenz ein neuer Trailer zum Spiel erwartete, der sich gewaschen hatte. Tosender Applaus. Das „Game of the Show“ wie in vielen Podcasts und Berichten zu hören und lesen war. Denn nicht nur den Trailer hatten die Polen im Gepäck, auch eine Demo hinter geschlossenen Türen wurde exklusiv für Pressevertreter der ganzen Welt gezeigt.

Zwei Monate nach der E3 hat CDPR nun die Demo mit nach Deutschland auf die GamesCom gebracht und ähnlich wie auf der E3 gibt es eine Vorführung nur hinter geschlossenen Türen. Wir hatten das Glück und durften uns die rund 45 Minuten lange Demo zum wohl meist erwarteten Spiel der kommenden Jahre anschauen und bleiben mit offenem Mund und leicht debilem Grinsen zurück. Da kommt was Großes auf uns zu!

Die Demo wurde live vorgespielt, zu Beginn der Demo war es möglich, Geschlecht und Aussehen des Charakters festzulegen. Die Hauptfigur hört auf den Namen V, wahlweise dann im Spiel Mister V oder Miss V. In unserem Falle wurde ein weiblicher Protagonist gewählt. Direkt geht’s los und V findet sich in einem verfallenen Apartment-Komplex wieder. Zusammen mit ihrem Kameraden Jackie soll sie hier eine Person suchen, die von einer Horde Organhändler gekidnappt wurde. Was direkt auffällt, ist die unheimlich gute Vertonung der beiden Hauptcharaktere. Die Unterhaltungen wirken lebensnah und dynamisch. So wie wir es von CDPR gewohnt sind. Laute elektronische Musik, ähnlich der aus dem ersten Trailer, ist von einer anderen Etage aus zu hören und setzt der Atmosphäre die Krone auf. Kurz nach Durchforstung der ersten Räume wird’s natürlich ungemütlich und die ersten Schergen stürmen auf uns zu. Mit Waffengewalt wird sich schnell dem Gesindel entledigt. Wuchtig wäre das erste Wort, was mir einfallen würde, müsste ich die Kämpfe kurz und knapp beschreiben. Der Sound dröhnt, die Waffensounds klingen satt und es gibt ordentlichen Hall im Gebäude bei Schüssen. Während dem Getümmel gibt es mehrere Gesprächsschnipsel, sowohl von Hauptcharakteren als auch von Gegnern. Partikel fliegen durch die Gegend, die Location geht zu Bruch.

Kurz nach dem Shootout findet V die besagte Zielperson, nach Extraktion und Beschaffung wertvoller Daten, ist die Mission erfolgreich und V darf sich für den Abend austoben. Am nächsten Morgen mit leichtem Kater gilt es dann, eine neue Mission zu beschaffen. Als V ihr Apartment verlässt, dürfen wir Zeuge sein, wie sie durch den Komplex schlendert. Der Entwickler versichert uns, dass jeder NPC im Spiel einen eigenen Tagesablauf hat und je nach Tageszeit woanders anzutreffen ist. Nach kurzem Spaziergang durch das Gebäude geht’s nach draußen an die Luft und was wir hier sehen, erschlägt uns förmlich. Night City in voller Pracht. Dicht besiedelt mit Autos, Fußgängern und vor allem viel Neon. Selten haben wir eine Stadt gesehen, die so lebendig wirkt. Überall gibt es sehenswertes zu beobachten. Die Stadt bebt und atmet. Wahnsinn. Die Stadt besteht laut den Entwicklern aus sechs Distrikten, jeder Distrikt mit seinem ganz eigenen Look.

Auf der anderen Straßenseite erwartet uns bereits unser nächster Auftraggeber. Von Dex, einem Unterweltboss, bekommt V eine neue Aufgabe zugeteilt. Es gilt, eine Drohne von einer Gang zu kaufen, die einer korrupten Agentin der Militech Corporation geklaut wurde. Diese hat allerdings selbst alle Hände voll zu tun, einen Maulwurf in den eigenen Reihen aufzudecken. Der Maulwurf arbeitet scheinbar mit besagter Gang zusammen. Sie gibt V einen Creditchip mit 50.000 Eddies (Kurzform für die Währung im Spiel) und einem Virus. Der Auftrag lautet die Drohne zu kaufen und dafür zu sorgen, dass der Creditchip im Terminal der Gang landet, damit der Maulwurf ausfindig gemacht werden kann.

Bevor V sich jedoch aufmacht, müssen ein paar Upgrades für den Körper her. Bei einem legalen Händler für Körperteile gibt’s ein Upgrade für die Hand und fürs Auge. Fortan kann V sehen, wieviel Munition noch in der Waffe ist, schreckt weniger zurück bei Gegenwehr der Gegner und kann mit ihrem neuen Auge die Gegend scannen oder wahlweise wie mit einem Fernglas zoomen.

Per Fahrzeug geht’s nun zum nächsten Punkt der Mission. Ähnlich wie in GTA ist die Stadt frei erkundbar. Es wird keine Grenzen geben. Die Kamera im Fahrzeug ist wahlweise First- oder Thirdperson. Hier ist es die einzige Möglichkeit die Perspektive zu wechseln. Der Rest des Spiels läuft komplett in der Egoperspektive ab.

Am Zielort angekommen, erwartet V eine Gang, die vernarrt darin sind, so viele Maschinenteile wie nur möglich in ihre eigenen Körper zu stopfen. Begrüßt werden V und Jackie von Gang Mitgliedern mit mechanischen, rot leuchtenden Augen und allerlei Prothesen. Die Stimmung ist bedrohlich. Nach einer kurzen Sequenz gibt es einen entscheidenden Punkt, wie die Mission weitergehen kann. Entweder V verrät der Gang, dass sich auf dem Chip ein Virus befindet und versucht so, das Vertrauen der Gang zu gewinnen und schließt sich eventuell sogar der Gang an, oder aber sie stellt sich unschuldig und versucht so den Deal über die Bühne zu bringen. In der Demo geht der Kauf durch, aber danach wird sich dafür entschieden, Waffengewalt sprechen zu lassen und die 50.000 Eddies in die eigene Tasche wandern zu lassen. Was folgt, ist ein derbes Gefecht zwischen V, Jackie und der Gang. Die Entwickler entscheiden sich, V mit ein paar Fähigkeiten auszustatten, die sonst erst später im Spiel vorkommen. Die aus dem Teaser bekannten Mantisschwerter, welche aus dem Armen ragen, eignen sich hervorragend zum Klettern an Wänden. Aus erhöhter Position deaktiviert V die Waffe eines Gegners, nur um anschließend seinem Partner mit beherztem Sprung den Schädel von den Schultern zu schlagen. Das Spiel geizt nicht mit Gewalt, bekommt ein Gegner eine Ladung Schrot ab, fliegt schonmal ein Körperteil durch die Gegend. Per Upgrade in der Sicht ist es V möglich, Abprallpunkte von Kugeln an Wänden und Oberflächen zu sehen und so um die Ecke zu schießen. Seitens der Entwickler wird versichert, jeder Spieler kann seinen eigenen Spielstil finden. Auch die in der Demo gezeigten Waffen sind nicht nur von unterschiedlicher Qualitätsstufe, wie in Rollenspielen gewohnt, sie zeigen auch, wie unterschiedlich die Kämpfe ablaufen können. Es gibt zum Beispiel ein Katana, dass auf Knopfdruck ein Schallwellenfeld vor V erschaffen kann, um Kugeln abzufangen. Es soll so auch dem Spieler die Möglichkeit geboten werden, einen Nahkampforientierten Charakter zu spielen.

Am Ende der Demo erwartet V und Jackie ein Bosskampf gegen den Anführer der Gang. Dieser ist mit einem Kampfexosuit bewaffnet. Der Schwachpunkt des Kolosses liegt am Rücken und V muss ihr ganzes Arsenal auffahren, um den Fiesling zu besiegen. Der Kampf wirkt sehr dynamisch, Deckung wird im Geschehen durch herablassen einer Hebebühne samt Fahrzeug geschaffen, Betonpfeiler fliegen V um die Ohren und die Mobilität ist gefragt. Nach mehreren intensiven Minuten ist die Schlacht geschlagen und nach einer kurzen Sequenz endet die Demo. Applaus.

Fazit:
Schlicht jeder, der die Demo sehen durfte, war begeistert. CDPR beweist mal wieder, dass sie ein Händchen wie kaum ein zweites Studio dafür haben, lebendige Welten zu erschaffen, in denen wir uns stundenlang verlieren können. Die Voiceactor liefern alle fantastische Arbeit ab und klingen lebendig und glaubhaft und bringen die sehr gut geschriebenen Dialoge wahnsinnig gut rüber. Es fällt schwer, das Gesehene komplett in Worte zu fassen. Als wir die Pressebooth verlassen, fühlen wir uns zurückversetzt in eine Zeit, in der uns Videospiele noch komplett aus den Socken gehauen haben. Eine Zeit, in der das Medium im Wandel war, wie etwa der Schritt von der PlayStation zur PlayStation 2. Nach der Demo hatten wir in etwa dasselbe Gefühl, welches wir damals in den ersten Minuten von GTA III verspürt haben: „Wow, das ist ein echtes Next Gen Erlebnis!“.

(geschrieben von Frank Johann)