Im Test: Gears 5 (One / PC)

Am 10. September erschien mit Gears 5 eines der wohl heißesten Eisen im Triple-A-Feuer des Spieleherbstes 2019. Microsoft bringen mit dem neuesten Ableger ihrer langjährigen Prestige-Franchise Gears of War viele Neuerungen an die Front, um Gears nicht nur zugänglicher, sondern auch besser zu machen. Was geglückt ist und was nicht, könnt Ihr in unserem Test nachlesen.

Alter Wein in neuen Schläuchen? War der direkte Vorgänger Gears of War 4 noch sehr scheu mit Neuerungen und ein ur-klassisches Gears of War-Erlebnis ohne großartige Wagnisse, krempelt Gears 5 die Formel ordentlich um. Nicht nur Detailverbesserungen werden geboten, sondern auch Open World-Experimente ähnlich der Westghats aus Sony’s Uncharted 4 DLC Add-on „Lost Legacy“. Aber eins nach dem anderen.

Nach den Ereignissen von Gears of War 4 liegen die Menschen wieder im Krieg mit den Locust, nun auch genannt The Swarm. Protagonistin Kait Diaz wird nach dem Tod ihrer Mutter von Visionen geplagt und beschließt zusammen mit Squadmate Del Walker, ihren Wurzeln auf den Grund zu gehen. Direkt zu Beginn der Kampagne wird klar, The Coalition legen mit Gears 5 viel mehr Wert auf Storytelling als noch im Vorgänger. Sei es durch etliche im englischen Original exzellent vertonte und geschnittene Cutscenes oder die in den Leveln zu findenden Collectibles – Gears 5 ist wohl das lorelastigste GoW der gesamten Serie. An jeder Ecke gibt es neue Informationen zur Welt, zu den Gegnern oder Ereignissen, die vor unserer Ankunft stattgefunden haben. Das gibt dem Spieler mehr Bezug zur Welt und dem, was um einen herum passiert.

Gears 5 beginnt bekannt und gewohnt mit Bombast und einem geradlinigen Actionfeuerwerk der Oberklasse. Die Inszenierung ist so stark wie eh und je und weiß den Spieler von der ersten Minute an in ihren Bann zu reißen. Wuchtige Feuergefechte wechseln sich ab mit ruhigeren Momenten, in denen wir die Welt etwas erkunden können. Ab Akt 2 öffnet das Spiel dann seine Pforte und bringt die wohl radikalste Neuerung, die die Serie bisher erfahren hat. Mit einem Skiff, einem Schlitten, der von einem Winddrachen gezogen wird, dürfen wir uns frei auf einer kleinen Open World-Karte bewegen und nach Herzenslust die Umgebung erkunden. Zu entdecken gibt es diverse, kleinere Nebenaufgaben, in denen wir zum Beispiel einen Generator starten müssen, um ein Dorf wieder mit Wasser zu versorgen oder einen eingestürzten Tunnel erkunden. Wichtig für den weiteren Verlauf der Story sind die kleineren Aufgaben nicht, wer also direkt zum nächsten Storyabschnitt möchte, kann dies ohne Umschweife tun. Das Erkunden selber kann sich aber durchaus lohnen, denn wer genau auf seine Umgebung achtet, findet hin und wieder ein Crimson Omen-Zeichen, das quasi Logo des Franchise. Dort in der Nähe verbergen sich sogenannte Relic Waffen, die spezielle Boni und interessante Gameplay Kniffe mit sich bringen. So haben wir zum Beispiel ein Longshot Scharfschützengewehr gefunden, welches bei perfektem Nachladen eine zweite Kugel kostenfrei in die Kammer lädt. Sehr nützlich, da Longshot Munition spärlich ausfällt! Insgesamt gibt es 13 Relic Waffen zu finden.

Des Weiteren findet man bei Nebenmissionen auch Upgradeteile für den Bot Jack, der das Delta Squad bereits seit Teil 1 stetig begleitet und in brenzligen Situationen zur Hilfe schreitet. Auch Jack bekommt mit Gears 5 eine größere Rolle als noch zuvor. Er kann nun aktiv in den Kampf eingreifen, indem er Gegner unter Schock setzt, Tretminen verteilt oder gar die Squadmember unsichtbar werden lässt! Diese Fähigkeiten lassen sich mit den Upgradepunkten aufwerten und verstärken, durch den Abschluss von Nebenmissionen erhalten wir einzigartige Upgrades eben jener Fähigkeiten, die kein Muss sind, aber sicherlich nice to have. Spielt man Gears 5 im altbewährten Koopmodus, übernimmt der dritte Spieler nun den flinken Roboter und kann seinen Teammates so helfen. Unsichtbar Waffen vom Schlachtfeld aufklauben, Spieler wiederbeleben, die Kampfkraft mit Stim erhöhen, das volle Supportprogramm eben. Aber nicht nur in der Kampagne findet Jack Verwendung, sondern auch im 2. Standbein von Gears 5. Dem Urvater aller wellenbasierten Coop-Scharmützel: dem Horde Modus.


In Gears 5 Horde liegt das Ziel weiterhin darin, als Team aus fünf Spieler, 50 immer schwerer werdender Wellen aus Gegnern die Stirn zu bieten. Mitbringsel aus Teil 4 ist wieder der Fabricator, an dem Spieler Punkte gegen Abwehrgeschütze oder Befestigungen eintauschen können. Jeder Charakter verfügt über einzigartige Fähigkeiten, so ist der aus der Kampagne bekannte Del Walker zum Beispiel der Verteidigungsspezialist Pionier, der emsig Fortifikationen baut, verstärkt und repariert. So hat jeder Spieler im Team eine bestimmte Rolle und für den Erfolg der Mission, ist es nötig, dass das Team kommuniziert und zusammenarbeitet. Ansonsten sieht man bereits auf dem Standard Schwierigkeitsgrad schnell das Ende. Spätestens zu jeder zehnten Welle, wenn ein Boss Monster auf den Plan tritt.

Mit im Gepäck ist selbstverständlich auch wieder der Kampf Spieler gegen Spieler. Hier bekämpfen sich Teams in unterschiedlichen Modi auf gewohnt gut designten Maps. Neuerung hier ist der Arcade Quickplay Modus. Zu Beginn und während des Matches haben die Spieler die Möglichkeit, sich für einen Charakter zu entscheiden. Alle Charaktere haben diverse Perks und unterschiedliche Loadouts. Durch im Kampf verdiente Punkte lässt sich das Waffeninventar aufwerten. Aber Vorsicht, nach dem Tod ist die neu gekaufte Waffe wieder futsch und man fängt mit der Startausrüstung erneut an. Arcade Quickplay ist eine Bereicherung im Gears of War Mehrspielermodus. Matches sind generell frenetischer als im teils sehr methodisch skillbasierten Standardmodus. Durch die schnelle Respawnzeit spielt sich Arcade etwas wie ein Call of Duty. An allen Ecken donnert und kracht es, Köpfe zerplatzen selbst bei den kleinsten Waffen. Chaos pur. Und das ist gut so.

Als letzter wirklicher Neuling hält der Escape Modus in Gears 5 Einzug. Hier müssen drei Spieler kooperativ unter Zeitdruck aus einem Hive entkommen. Hinter ihnen das von ihnen selbst ausgesetzte Giftgas. Jedoch beginnt der Escapemodus nicht mit voller Bewaffnung. Lediglich eine Pistole mit wenigen Schüssen muss für den Anfang reichen. Alles weitere wird vor Ort aufgeklaubt oder den Gegnern aus der Hand geprügelt. Um das Unterfangen der Flucht nicht zu frustrierend zu machen, verdienen Spieler mit erfolgreichen Fluchten aus den Hives Skillkarten, die sie ausrüsten können. Steigen die Escapecharaktere im Level auf, lassen sie sich mit speziellen Karten ausrüsten und aufwerten, um immer stärker zu werden. Jeder Charakter bringt außerdem eine spezielle Fähigkeit mit sich, die in brenzligen Situationen über den Erfolg der Mission bestimmt. Mit den rund 20 Minuten Spielzeit pro Hive ist Escape eine willkommene Koop-Abwecklung zum drei Stunden fressenden Monstermodus Horde.

The Coalition spendieren mit Gears 5 der Community auch einen Mapeditor, mit der sich aktuell Hives für den Escapemodus bauen und der Community bereitstellen lassen. In einem zukünftigen Update möchte man auch die Möglichkeit anbieten, normale Spieler gegen Spieler oder Horde Karten zu kreieren. Außerdem sollen alle Post Launch Updates und Karten kostenfrei erscheinen. Bis auf kosmetische Items möchten Microsoft und The Coalition keinen Mikrotransaktionen oder DLCs anbieten. Sehr löblich!

Technisch zeigt sich Gears 5 wohl von seiner besten Seite. Bereits kurz nach Start wird klar, dass es sich optisch um wohl einen der imposantesten Titel der Generation handelt. Sei es auf Xbox One X in knackscharfen 4k bei 60 Frames oder auf dem PC, das Spiel sieht fantastisch aus und lässt sich zu jeder Minute flüssig und vorzüglich spielen. Wer ein Dolby Atmos fähiges Audioausgabegerät sein Eigen nennt, bekommt zudem noch satt was auf die Ohren. Der stimmige Soundtrack von Star Composer Ramin Djawadi ist das Tüpfelchen auf dem i. Die Kirsche auf der Sahne der Bombastinszenierung. Hier feuern The Coalition aus allen Rohren.

Fazit:
Gears 5 ist nach dem ernüchternden, aber guten, vierten Teil der Gears of War-Reihe die Frischzellenkur, die Fans mit Spannung erwartet haben. Endlich wagt man sich aus den Fußstapfen von Epic Games heraus und gibt seine eigene Gewürzmischung zum altbewährten Familienrezept. Ob Kampagne, Multiplayer oder Koopmodi, jeder Modus fühlt sich bekannt, aber dennoch frisch an. Für Technikenthusiasten gibt es ein absolutes Referenzprodukt obendrauf. Gears 5 ist das, was Microsoft gebraucht hat: Ein absolutes Prestigeprodukt, das in keiner Spielesammlung fehlen darf!

(getestet von Frank Johann)