Im Test: Persona 5 (PS3, PS4)

Fans japanischer Rollenspiele haben jahrelang auf dieses Spiel gewartet. Endlich kommt mit Persona 5 der neuste Ableger der beliebten Shin Megami Tensei-Serie. Exklusiv für Playstation 3 und 4 gilt es mit einer bunten Truppe aus Highschool-Schülern die dunklen Herzen hochrangiger Bürger Tokyos zu stehlen. Ob das Spiel auch unser Herz für sich gewinnen konnte, erfahrt ihr im Test.

Ich bin kein JRPG-Fan, ich bin ein JRPG-Freak. Ich liebe diese japanischen Rollenspiele, die fernöstliche Skurrilität, ihre lebhafte Mythologie, das aufbrausende Stadttreiben und noch viel mehr die schier unerschöpflichen Mechaniken und Kampfsysteme, die uns dieses Genre beschert hat. Und doch, wenn ich das Wort JRPG höre, denke ich mittlerweile an Klischees, an die immer gleichen Stereotypen und Geschichten. Ich befürchte sich wiederholende, bekannte graphische Assets und oftmals überfrachtete, unüberlegt zusammengeschusterte Systeme. Ich sehe nur noch diese Low-Budget-Schnellschüsse vor mir, die mit meinen Gefühlen spielen. Ich bin aus Liebe eine Ehe mit diesem Genre eingegangen und geblieben ist nur noch ein routiniertes, leidenschaftsloses Zusammenleben.

Und dann beginnt Persona 5 in der Konsole zu rotieren. Ein grooviger Beat leitet das Opening Video ein. „Can we make a difference?“ beginnt eine starke Frauenstimme mit japanischem Dialekt zu singen. Und als ich mich beim Mitwippen zu den stilsicheren und sympathischen Bildern erwische, merke ich schon, dass die Antwort ‚Ja‘ lautet. Dieses Spiel macht den Unterschied. „Wake up, get up, get out there!“ und die Leidenschaft ist bereits wieder entfacht ehe es überhaupt wirklich losging.

Doch des einen Freud ist des anderen Leid. Und hier beweist sich ebenfalls der Umkehrschluss. Während mich die ersten Spielminuten sofort gepackt haben und ich freudig-gespannt den Storyaufbau verfolgte, überprüft unser junger Protagonist eifrig Murphys Gesetz. Die Geschichte startet mitten im Geschehen. Der Held flieht im harten Lederkostüm aus einem Casino vor Polizeidämonen. Mit überzeugender Akrobatik reißt er den anstürmenden Schergen die Masken vom Kopf und erledigt sie in coolster Manier mit Säbel und Pistolen. Nützt ihm aber alles nichts. Am Ende wird er umstellt, kriegt einen Gewehrkolben in die Fresse, wird unter Drogen gesetzt und im Verhörzimmer zum Geständnis gezwungen.

Und das ist nur der Anfang einer Verkettung unglücklicher Ereignisse. Also spulen wir etwas zurück und nach einer langen, passiven Einführung ins Spielgeschehen erlangen wir endlich die Kontrolle über unseren Hauptcharakter. Und gleich wird klar, dass wir dieser mysteriöse, maskierte Rächer nur in Teilzeit sind. Ansonsten üben wir uns als gewöhnlicher Schüler einer Tokyoer Highschool. Also während sich parallel ein spannender Mystery-Thriller entwickelt, nutzen wir die uns zur Verfügung gestellte freie Zeit, um unsere Schulkameraden besser kennenzulernen, für Prüfungen zu lernen, zur Entspannung zu angeln oder Videospiele zu spielen. Persona 5 ist zu mindestens einem Drittel der Spielzeit eine Life-Sim.

Aber die Freundschaften, die wir dabei in kleinen Nebengeschichten schließen, und die gesteigerten sozialen Fähigkeiten dienen nicht nur ihrem Selbstzweck. Denn diese Geschichte dreht sich um die Phantom Thieves, eine Diebesbande rund um den Hauptcharakter, die es sich als Ziel gesetzt hat für Gerechtigkeit zu kämpfen. Dabei dringen sie in das manifestierte Bewusstsein ihrer oftmals prominenten Opfer ein und vollführen einen Sinneswandel. Böse Buben finden so ihre gute Seele wieder.

Das ist leichter gesagt als getan. In klassischer JRPG-Manier treten wir so unzähligen Feinden im rundenbasierten Kampf gegenüber. Jedes Partymitglied trägt dabei eine Persona, eine Art Schutzgeist mit übernatürlichen Fähigkeiten. Der Hauptcharakter nutzt sogar mehrere Personas und hat so ein sehr breitgefächertes Moveset, das man sich im Grunde frei zusammenstellen kann. Das Fangen der Personas erinnert an Pokemon. Wird eine Persona im Kampf geschwächt, kann sie dazu überredet werden, unserem Team beizutreten. Wirklich süchtig macht hier aber das gut ausgearbeitete Fusionieren der gefangenen Monster zu stärkeren Begleitern.

Obwohl das Kampfsystem mechanisch sehr abwechslungsreich und clever umgesetzt wurde und zusätzlich noch durch verschiedene Fähigkeiten erweitert wird, die wir im Schulalltag über unsere Freunde erhalten, lässt es sich sehr leicht auf wenige Grundaktionen herunterbrechen. Selbst auf dem Schwierigkeitsgrad ‚Hard‘ wird man die meiste Zeit verschiedene Elemente durchprobieren, um die Schwächen der Gegner auszunutzen und durchdachte Strategien und Taktiken werden zu selten gefordert.

Ein großer Kritikpunkt bei den Vorgängern waren die uninspirierten, automatisch generierten Dungeons, die sich ewig in die Länge ziehen konnten. Persona 5 macht alles neu und bietet handgefertigte Paläste des Unterbewusstseins. Jetzt haben wir spielerisch und optisch interessante Architekturen, nutzen beispielsweise die Umgebung um uns an Gegnern vorbeizuschleichen oder sie aus dem Hinterhalt zu attackieren, wir lösen – zugegeben – meist sehr simple Rätsel und erkunden die Areale auf der Suche nach seltenen Schätzen. Am Ende eines Gebiets wartet dann der obligatorische Bosskampf, der einzigartige Mechaniken vorstellt und so einen würdigen und herausfordernden Abschluss eines Dungeons schafft. Das Spiel bietet in der Hinsicht genug Ideenreichtum, um ständig zum Weiterspielen zu motivieren.

Während das Spiel also in Sachen Gameplay seine Vorgänger in allen Aspekten überholt, das Szenario sich zwischen dem etwas ernsteren, düsteren dritten Teil und dem bunten Detektivkrimi des vierten Ablegers bewegt, gibt es im Vergleich Schwächen bei erzählerischen Elementen. Die Hauptgeschichte weiß zu unterhalten und bewegt sich von Anfang bis Ende auf bekannt hohem Persona-Niveau. Die optionalen Inhalte wie die Charaktergeschichten und auch die in die Story verwobenen Gruppenbegegnungen vermissen allerdings den Charme den Vorgänger. Neben den spaßigen Events mit beispielsweise der gescheiterten, an Schülern Drogen testenden Ärztin, und der Lehrerin, die sich als unrühmliches Dienstmädchen Geld dazuverdient, gibt es zu oft den zähen Austausch von Belanglosigkeiten.

Stilistisch punktet das Spiel wie kaum ein anderes. Da wäre der stilisierte Comiclook mit seinem kräftigen Rot-Schwarz-Akzent, der nahtlos Spielgeschehen mit den HUD-Elementen und Menüs verknüpft. Dann pumpt ein umfangreicher Soundtrack, der von J-Pop über Electro-Beats bis zum Orgel-lastigen Rock reicht. Animesequenzen stellen die Höhepunkte der Geschichte dar. Persona 5 weiß sich zu inszenieren.

Dabei hinkt das Spiel technisch eine Generation hinterher. Es handelt sich hier eigentlich um eine PS3-Entwicklung, die im Laufe der Produktion auf die PS4 portiert wurde. Die beiden Versionen unterscheiden sich kaum und der Gesamteindruck bleibt trotz einiger graphischer Schwächen absolut überzeugend. Der Stil trägt das Spiel wohl erhalten in die aktuelle Generation.

Der Umfang mag einige Spieler abschrecken. Für den ersten Durchgang wird man gut 100 Stunden brauchen und ein New Game Plus lockt mit zusätzlichen Szenen und dem Erkunden von verpassten Inhalten. Gelangweilt hat mich das Spiel dabei nie. Jedoch muss man sich mit sehr langen passiven und noch längeren fast-passiven Abschnitten abfinden können. Das Actiongameplay in den Dungeons nimmt einen relativ kleinen Teil des Spiels ein.

Fazit:
Wie schon Persona 3 und 4 findet auch der fünfte Ableger der Serie die perfekte Mischung zwischen einer spannenden Geschichte, dem motivierenden Zeitmanagement im Schulleben und natürlich den rundenbasierten Kämpfen gegen monströse Erscheinungen des Unterbewusstseins. Wir erreichen nicht nur die Qualität der Vorgänger, in Sachen Gameplay wird Persona gar auf ein gänzlich neues Niveau gehoben. Ja, rundenbasierte JRPGs funktionieren noch. Und Persona 5 ist dafür ein qualitativ hochwertiger, inszenatorisch und spielerisch überzeugender, zum Glanz polierter Beweis. Ein Muss für Fans und für Neugierige die wohl beste Gelegenheit seit Jahren etwas japanischen Wahnsinn zu schnuppern.

(getestet von eape)