Im Test: Overwatch (PS4, One, PC)

Die Qualitätsschmiede Blizzard Entertainment traut sich in unbekannte Gewässer. Nachdem sie mehrere Genres revolutioniert und etabliert haben, ist ihr nächster Streich ein rein kompetitiver First Person Shooter. Mit Overwatch wagt sich das Studio in ein populäres, hart umkämpftes Gebiet. Ob sie wieder neue Maßstäbe setzen können, erfahrt ihr bei uns im Test.

Wer bei Overwatch wegen der reinen Onlineauslegung vom nächsten Free-to-Play-Game des Videospielgiganten ausgeht, wird eines Besseren belehrt. Overwatch ist ein Vollpreistitel für alle gängigen Plattformen und wurde auch dementsprechend beworben.

Bereits im Vorfeld veröffentlichte Blizzard Comics und animierte Kurzfilme von ihren erfahrenen CGI-Profis, die uns heiß auf das Szenario und die spielbaren Helden machen sollten. Die Geschichte ist dabei schnell erzählt, bietet für einen Multiplayer-Shooter aber überraschend detaillierte Hintergründe für Spielwelt und Charaktere.

Menschen und Maschinen lebten zusammen in Harmonie, aber nicht für lange. Die Technik überholte den Menschen und wandte sich gegen seinen Erschaffer. Die Zeit für Helden war geboren und so gründete man die Overwatch, die als Organisation der Besten der Besten, den Maschinen Paroli bieten konnte und wieder Frieden auf der Erde brachte. Als gefeierte Helden blieb die Sondereinheit weiterhin bestehen und verteidigte die zivile Bevölkerung gegen Terrorismus und andere Gefahren… bis sie sich wegen internen Reibereien auflöste und sich die einstigen Helden gegenseitig bekriegten.

Dort setzt dann auch das Spiel ein und ohne viel Brimborium ist man nach zwei Klicks auch schon im ersten Onlinematch. Das Spielprinzip ist simpel. Jeder wählt einen der 21 ikonischen Helden, ausgestattet mit individuellen Fähigkeiten, und dann treten beide Teams à sechs Spieler gegeneinander an. Jede der zwölf Karten, von Griechenlands antiken Bauten bis zum Wüstenhighway Route 66, unterstützt dabei einen der vier Spielmodi, die Eskorte eines Fahrzeugs, das Einnehmen feindlicher Punkte, einem Hybriden der vorangegangenen Modi und Control, dem einzigen Modus ohne feste Angriffs-/Verteidungsrollen, bei dem ein Punkt von beiden Teams eingenommen und eine gewisse Zeit verteidigt werden muss.

Hierbei ist das Spiel rein zielorientiert. Es gibt keine direkte Belohnung für Kills oder eine Bestrafung für Tode. Es bringt nichts sich mit einer Sniper zu verbarrikadieren oder mit dem Sturmgewehr leichte Beute zu jagen, wenn sich niemand um die Ziele kümmert. Wer gewinnen will, muss die Gruppenkonstellation an den Spielmodus und die gegnerischen Helden anpassen. Durch die sehr unterschiedlichen Helden wird hier ein dynamisches Spielerlebnis geschaffen.

Typischerweise schützen Verteidiger ihren Punkt mit Torbjörn, einem ruppigen Zwerg, der ein stationäres Geschütz aufstellen kann, das Angreifer automatisch ins Visier nimmt. Dazu gesellt sich Bastion, ein riesiger, mechanischer Freund, der entweder mobil mit Maschinengewehr oder als Panzer unterwegs ist, besonders gefährlich aber wird, wenn er sich ebenfalls als stationäres Geschütz aufbaut. Für noch mehr Sicherheit sorgt Symmetra, die mehrere kleine Verteidigungsanlagen installiert, die den Gegner lähmen und ihm Schaden zufügen. Mit ihren Portalen gelangen die befreundeten Helden schnell nach dem Respawn von der Basis ins Getümmel. Widowmaker unterstützt mit ihrem Scharfschützengewehr die Truppe auf Distanz und gewährt ihr auf begrenzte Zeit die Sicht durch Wände. An vorderster Front flankieren Tracer, eine rasend schnelle, Zeit-manipulierende Pilotin, und der untote Reaper, ausgerüstet mit unmenschlichen Teleport- und Verteidigungsfähigkeiten und zwei Schrotflinten, das gegnerische Team. Eine von vielen möglichen Teamkonstellationen.

Ohne eine ausgeklügelte Heldenwahl ist so eine Defensive schwer zu kontern. Overwatch hat aber für jede Situation eine passende Antwort parat. Ein Tank ist hierbei unerlässlich. Der Schwabe Reinhardt bringt nicht nur mit seinem Dialekt die Gegner in Bedrängnis, er trägt auch einen großen Schild, hinter dem sich seine Teamkameraden verstecken können. So sind Helden wie der 08/15-Soldat Soldier-76 geschützt vor feindlichem Feuer und können die Verteidigung dezimieren. Gleichzeitig heilt Mercy, unser Schweizer Engel, das Team und erhöht den Schaden. Torbjörns Geschütze sind für Genji, den Cyborg kein Problem. Als agiler Ninja springt er ins feindliche Lager und reflektiert das automatische Feuer zurück. Um für Hektik zu Sorgen hüpft noch Winston, der superintelligente Gorilla in das einzunehmende Gebiet, schleudert die Feinde umher und zerstört mit seinem Laserstrahl Symmetras Portale und Verteidigungsanlagen. Jetzt muss wieder das Verteidigungsteam mit einer besseren Heldenwahl kontern.

Auf dem bunten Spielfeld spielt sich so eine Art Schachduell ab, bei dem Zug um Zug die richtige Reaktion auf eine bestehende Situation gesucht wird. Das verleiht Overwatch einen Sportcharakter, der den Shooter von anderen Multiplayerspielen abhebt, die sich stark auf das Töten der Gegenseitige fokussiert. Nur wenige Helden bedürfen hohes Geschick mit dem rechten Analogstick oder der Maus. Strategische Entscheidungen beeinflussen meist den Ausgang des Matches. So verzichtet Overwatch auch auf freischaltbare Verbesserungen der Helden. Alle Spieler haben von Start an dieselben Voraussetzungen und erhalten über die Zeit keinen spielerischen Vorteil.

Das klingt in der Theorie nach dem ausgeklügelten Teamshooter, der Overwatch auch ist, kann aber auch viel zu oft zu Frust führen, wenn man gerade keine Freunde hat, mit denen man die Server betritt. In der Praxis sind viele Spieler leider auf Kills und weniger auf den Sieg aus. Nicht selten fühlt man sich von seinen Teamkameraden in Stich gelassen. Ein Mittel dagegen gibt es nicht. Abhilfe soll aber der bald erscheinende ‚Kompetitive Modus‘ schaffen, bei dem Spieler innerhalb einer Season anhand ihrer Ergebnisse in verschiedene Ligen eingeteilt werden. Dort sollte das Niveau erheblich höher sein.

Überhaupt ist mit einem umfangreichen Support seitens Blizzard zu rechnen. Bereits im Anfangszustand ist das Balancing der verschiedenen Helden sehr gelungen. Um die Feinjustierung kümmern sich die Entwickler anhand ihrer gesammelten Daten. Weitere Helden, Karten und kosmetische Items sollen regelmäßig und kostenlos nachgeliefert werden. Hier hielt Blizzard in Vergangenheit zu ihren hohen Standards.

Mit etwas Skepsis dürfen die Lootboxen betrachtet werden. Bei jedem Level-Up erhält der Spieler eine Kiste mit vier kosmetischen Items. Diese Kisten erhält man selbst auf höheren Stufen sehr regelmäßig, mehr oder weniger stündlich, sie können aber auch gegen hart verdientes Echtgeld gekauft werden. Einen spielerischen Vorteil erhält der Spieler dabei nicht und über kurz oder lang wird jeder seine gesuchten Skins, Sprüche, Graffitis, Emotes, Siegerposen, etc. auch über die Ingamewährung erhalten. In Zeiten von Pay-to-Win-Systemen bei Vollpreistiteln ein recht harmloses System, aber dennoch kein wünschenswertes.

Technisch gibt es nichts zu bemängeln. Die Grafik ist verspielt, detailverliebt und hübsch anzusehen, das Spielgeschehen jederzeit flüssig und die Spielersuche funktioniert im Regelfall innerhalb einiger Sekunden. Bugs und Unstimmigkeiten muss man unterm Mikroskop suchen. Ein absolut beispielhafter Zustand eines Multiplayerspiels.

Fazit: Blizzard hat es wieder geschafft und wirft mit Overwatch einen aufregenden Sport in die elektronischen Ligen. Der Stil und das Szenario sind sympathisch und strotzen vor Details, die Matches trotz des simplen Systems dynamisch und abwechslungsreich, es ist poliert und Blizzard verspricht einen umfangreichen Support für die Zukunft. Neben all den gerechtfertigten und ungerechtfertigten Aufregern über die Mitspieler eine tolle, frische, jetzt schon ausgereifte Multiplayererfahrung.

(getestet von eape)